Dienstag, 12. April 2011

Geborgenheit und Mut


Vor einigen Wochen schrieb Antje Schrupp, eine befreundete Journalistin und Philosophin in ihrem Blog über eine Ringvorlesung der Berliner Humboldt-Universität mit dem Titel „Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert“. In ihrem Text nimmt sie den Titel kritisch unter die Lupe und setzt ihm eine weibliche Betrachtungsweise entgegen: Geborgenheit und Mut.

Vor rund 11 Monaten haben meine Familie und ich entschieden, die vermeintlichen Sicherheiten eines Lebens in "wohl geordneten" Bahnen zu verlassen. Vielen erschien und erscheint es nach wie vor als eine Entscheidung gegen Sicherheiten. Ein "sicheres" Dach über dem Kopf, "sichere" Lebensumstände, kalkulierbare Risiken. Versicherungen. Mir - uns - erschien das nicht so. Das drückende Gewicht verordneter und wachsender "Ver-"Sicherungen machte aus unserem Leben einen Schwitzkasten, der uns schließlich an den Rand einer prekären Lebenssituation brachte. Das Risiko, zwischen die Maschen zu fallen war irgendwann größer als ein potentieller Nutzen.

Heute lebe ich in einem Wohnwagen. Ich zahle keine Miete - dafür habe ich die schönste Landschaft vor dem Fenster, ein Plumpsklo in 100 m Entfernung und Wasser, das ich täglich aus der Quelle hole. Wenn es regnet, verwandelt sich mein Haus in eine Trommel, wenn es windet in ein schwankendes Schiff und wenn - wie heute - die Sonne scheint habe ich Sauna und Solarium in einem. Und - ich fühle mich geborgen. Die Wände meiner 6 qm großen Behausung umgeben mich wie die schützenden Arme einer Mutter - wenn ich denn diesen Schutz mal brauche. Ansonsten schaue ich hinaus und finde die Welt aufregend und anziehend. Ich fühle mich wie ein Kind, das die Welt neu entdeckt. Und alles darin ist wunderbar, aufregend und - lebendig.

Unter meinem Wohnwagen lebt eine Schlange. Nachts kommt uns manchmal die Wildkatze besuchen und jagt meine zugelaufenen, etwas ängstlichen Nahezu-Hauskatzen auf den Baum. Meine Tochter wurde schon vom angeblich tödlichen Hundertfüssler gebissen und ich sammle allabendlich die Zecken aus unserem Fell. Risiken, überall. Und das Wasser, das wir trinken, stammt aus einem 100 Jahre altem Brunnen und hat erwiesener Maßen keine Trinkwasserqualität nach allgemein gültigem westeuropäischem Standard. Stimmt. Ich musste mich erst dran gewöhnen, dass das Wasser plötzlich nur noch nach Wasser schmeckt.

Ich will unser Leben hier nicht über den grünen Klee loben. Es gibt unzählige Herausforderungen Tag für Tag, wovon nicht die geringsten menschlicher Natur sind. Und wenn sich im Dauerregen das Land in eine Matschwüste verwandelt oder die unnachgiebige Sonne alles zu Staub zerdorrt, dann kommen wir an die Grenzen dessen, was wir für erträglich halten. Dann fordert das Leben hier Mut, manchmal im Übermaß.

Dennoch - ich würde nicht zurück gehen. Ich fühle mich geborgen in einer Schöpfung, die von mir Wachheit und Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Hingabe fordert. Ich liebe es, zu ent-domestizieren. Oder auch auszuwildern.

Ich komme mir auf den Grund. Spüre die Wände des inneren Gefängnisses, das mich von der vollen Teilnahme am Leben abhält. Aus Sicherheitsgründen. All die vielen Jahre habe ich gelernt, mich durch Schutz zu bewahren. Weil ich mich in dieser Welt nicht beheimaten konnte. Der Alien in einer feindlichen Umgebung.
Heute lerne ich, dass ich ein Teil dieser Schöpfung bin. Exakt und auf das Beste angepasst. Innen wie aussen. Vollständig geborgen in dem, was ich bin.
Ich kann mich auflösen und wieder zusammen setzen. Und das Fremde bleibt nur so lange fremd, wie ich es ein- und abkapsle. Indem ich es aufnehme und ihm Raum gebe, durchwachsen wir einander und werden neu. Ein Hundertfüsslerbiss, an dem eine nicht stirbt ist das exakte Beispiel dafür. Indem ich aufnehme, lerne und wachse ich. Wie alles Lebendige.

An einem anderen Ort in dieser Welt brechen andere Gefängnisse entzwei. Diktatoren werden gestürzt und das, was jahrzehntelang im Verborgenen blühte tritt ans Tageslicht. Und - Reaktoren erweisen sich als untaugliche "Sicherheitsverwahrungen" für Kräfte, deren Natur die Entfaltung ist. Was zu lange unter zu engen Bedingungen gehalten wird bricht sich schließlich scheinbar gewaltsam frei. Aber wie die asiatischen Kampfkünste lehren: Es ist nur der Widerstand, der die Gewalt erzeugt.
Die Kräfte der Erde, einst in Braunkohle, Erdöl und Uran gebunden sind freigesetzt. Wenn ich atme, esse, bin nehme ich diese ungebundenen, diese "freien Radikale" zu mir. Damit sie nicht auch in meinem Körper das nächste zu sprengende Gefängnis finden gilt es jetzt, durchlässig zu werden. Damit alles, was rein kommt, auch wieder raus kann. Und dazwischen aus mir eine andere macht.

Damit habe ich gerade richtig zu tun. Ersteinmal werden alle Engpässe deutlich, alle Erstarrungen fallen ins Gewicht. Eine Woche konnte ich mich nicht bewegen weil ich immer noch an meinem Kreuz trage. Und zu Kreuze krieche. Sowohl die Märtyrerin als auch das Opfer sind Rollenmodelle, die ich nicht so ohne weiteres ablegen kann. Was wären denn die Alternativen?

Montag, 14. März 2011

Sehnsucht Fremde



Wir lieben, was uns vertraut ist. Und wir sehnen uns nach dem, was fremd ist.

Menschen fahren in Urlaub, wandern aus. In Kino und Literatur werden uns ferne und fernere Welten vor das Auge geholt, globalisierte Märkte bescheren uns thailändisches Essen, exotische Gewürze und billige Kleider aus Fernost. Was Anfang des 20. Jahrhunderts das Sagen umwogene Saragossa, das glitzernde Samarkand und das mysteriös versunkene Atlantis war – ist heute Pandorra, die Besiedelung des Mars oder die unerforschte Tiefe des Meeres. Auf seiner schier unersättlich Suche nach immer unbekannteren Unbekannten, immer ferneren Gestaden scheint der menschliche Geist an immer weiteren Horizonten zu schweifen. Immer auf der Suche nach dem, was noch nicht gewesen aber denkbar ist, noch nicht gehabt doch nahezu greifbar, auf jeden Fall aber irgendwie erreichbar und machbar sein muss. Als wäre es das verfluchte Schicksal dieses allzu menschlichen Werkzeuges, nie da zu sein, wo es ist.

Doch zu Hause ist es am schönsten.

Da, wo die altbekannte Ordnung Sicherheit verleiht im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten. Wo man sich scheinbar versteht, weil der Gleichklang der Worte Heimat schafft. Ähnlichkeit. Vertrautheit. Geborgenheit im Gleichmaß der Tage, der Ereignisse, der kalkulierbaren Risiken. Und entgegen allem Unwägbaren versichert sich das kollektive Ganze aneinander. Schließt die Reihen. Lasst das Fremde nicht eindringen in die guten Stuben, in die Rückzugsorte von der Welt.

Hässliche Fratzen werden der Abschreckung halber an die Grenzpfosten gemalt: Dunkelheit. Hunger. Armut. Schwarze Menschen, braune und gelbe. Aussatz und Krankheit. Schlafen unter den Brückenbogen am Rande der Rinnsteine. Furcht und Krieg und Tod.
Doch die Dämonen haben Füsse bekommen und Beinchen und haben sich eingeschlichen ins biedere Dasein. Tragen fußstabilisierende Halbschuhe und Nadelstreifenanzug, sprechen hochdeutsch und niesten sich wohlvertraut ein zwischen den Deckblättern von Steuererklärungen, Krankenscheinen und Hochschulnoten. Regieren die Träume im traumzeitlosen Land. Sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, vertrauter fast als das eigene Fleisch. Längst schon liegen die Grenzen verwahrlost, ist das Grenzland still und heimlich eingezogen ins Nachbargrundstück und streichelt schon sanft um den Zaun.

Doch sind die Zäune erst einmal eingerissen, bleibt nicht mehr viel, das es zu verlieren gäbe. Diese Rechnung hat der Wirt ohne das Leben gemacht: Ist es erst mal da, lässt es sich so leicht nicht mehr vertreiben. Wächst aus dem Dunkel hervor wie die lichtscheuen Gewächse, die noch die letzten Ruinen sprengen mit ihrer unerwarteten Blütenpracht. Und plötzlich ist einEr draußen.

Aus gutem Grund waren es daher wohl immer die Paria, die Außenseiter, Störenfriede, Wiederspenstigen, die Unzähmbaren, die zuallererst aufbrachen, dorthin, wo das kollektive Sehnen wohnt. Und es mit unversiegbarer Bilder- und Wortflut nährten vom Hunger nach der Fremde. Kommt. Schaut. Hier ist alles anders als dort. Besser. Das Gold glänzt glänzender, die Tränen schmecken nach Salz und Meer und die Träume sind hochfliegende Falken die ihren Schatten auf´s Land werfen. Ganz nah ist alles, wie eine Fata Morgana im Schnee.

Doch am noch ferneren Horizont ziehen Wolken auf. EinEr trägt das Wetter mit sich, zieht es hinter sich her wie an seidenen Nabelschnüren, unentwirrbar verronnen mit dem, was zurück bleiben soll und immer doch schon da ist.
Und die vertraute Brille - Mutter-Sprache, Vater-Land, Brüder zur Sonne und Schwestern im Geiste – überzieht das Fremde mit dem samtenem Schal dessen was Ordnung schafft. Und Wiedererkennen besetzt das Morgenland mit dem Gestern.

Vielleicht können wir die Grenzen nur nach Innen verschieben. Enger ziehen bis das wir uns nicht mehr entkommen können. Unsere liebgewonnenen Deutungsmuster, Geborgenheit-stiftenden Gewissheiten in die Enge treiben bis das sie sich enttarnen und ihr gescheutes fremdes Gesicht zeigen.

Dienstag, 15. Februar 2011

Portugiesischer Winter


Mein erster Winter in Portugal. Während andernorts das Land sich in ein weißes Kleid aus Schweigen, Dunkelheit und kristallenes Licht hüllt, lösen sich hier alle Zuordnungen auf: Zwischen herbstlichem Nebel voller tautropfengeschmückter Spinnwebdiademe an Ästen und Fenstern und kathedralhohen Azurhimmeln erfüllt von Vogelgezwitscher und Schäfchenwolken springen die Tage zwischen den Jahreszeiten hin und her, fällt an den einen Bäumen das herbstlich rostrote Laub im gleichen Moment, in dem der Mandelbaum sein Blütenkleid anlegt und in den Zitrusfruchtbäumen die Orangen reifen. Alles hat neben allem Bestand, alles ist und kann gleichzeitig sein. Statt linearer Bewegung von A nach Z spiralförmiges Nebeneinander uralter Runensymbole in ihrer ganzen Bedeutungsfülle.
Es ist das Wasser, dass nahezu unaufhörlich in der einen oder anderen Form vom Himmel fällt, die Straßen in Bäche verwandelt und jede kleine Senke in einen See, das schwebende, sprühende, tosende, gurgelnde und rauschende Wasser, das diese fast schon unwirklichen Momente der Gleichzeitigkeit bewirkt.
Nach 9 Monaten unerbittlichen Sonnenscheins, der alles in Grund und Boden glüht, öffnet der Himmel seine sorgsam verschlossenen Schatzkammern und lässt all das aufgesparte Wasser auf einmal auf dieses ausgetrocknete Land nieder brausen, das ausschlägt wie eine magische Wüstenblume. Und weil diese gezählten Momente des Über-Flusses so gezählt sind, muss eben alles, das ganze Leben, Fruchtbarkeit, Zeugung, Heranwachsen, Reife und Tod zur selben Zeit stattfinden. Ganz so, wie im „richtigen“ Leben.
Meine auf die nord- und mitteleuropäische Ausdehnung der Zeit, auf das sorgsame und stetige Aufeinander-Folgen, auf das Nacheinander der Jahres- und Lebenszeiten ausgerichtete Seele hat ihre Mühe mit der Eingewöhnung. Ähnlich wie die zur Bewegungslosigkeit zwingende Sommerglut ist es jetzt die Milde und das alle Sinne auf- und überfordernde Aufquellen des Seins, welches zur Umstellung einfordert. Jetzt wird gesät, damit vor der großen Hitze noch etwas reift. Jetzt treibt der laue Sonnenschein nach Draußen, erwecken die Eiskristalle am Morgen und der von Stürmen reingewaschene Ozean alle Lebenssinne, kommt alles Angestaute unweigerlich in Fluss und ergießt sich zur großen Vereinigung ins Meer. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Und das – mitten im Winter.
Unvorstellbar, dass der Frühling dies noch steigern könnte. Das Ocker, Umbra und tiefe Sepia des Sommers hat sich in ein Irisch-Grün verwandelt, die schroffen und abweisenden Steppen des Hochsommers in die liebreizenden Täler der Golfstromumschmeichelten Inselwelten. Die Luft schmeckt süß und verheißungsvoll, tausend Blümchen säumen die Wege und an jeder Ecke, scheint´s wird gerade ein Lämmchen geboren. Verdichtetes Leben.
Wie anders die Welt ist, überall. Ich denke an die Wälder Amazoniens, in das Dämmerlicht des ewigen Waldes getaucht, triefend vor Nässe und ohne den Taktstock der Jahresgezeiten. An das Land im ewigen Eis, sechs Monate im Jahr dunkel und nur angelegentlich erleuchtet von unkalkulierbarem Feenlicht. An die Wüsten mit ihren Extremen von Glut und Frost im Laufe nur eines einzigen Tages. An das Leben in den Sümpfen und den Höhen des Himalaya, in träger Luft oder solcher von schon überirdischer Klarheit und Präzision.
All diese Gebiete haben Seelenlandschaften hervorgebracht, die voneinander eben so verschieden sind wie die Länder aus Stein, Erde, Wolken und Pflanzen. Wie in den Biotopen der Erde gedeihen auch die Seelen der Menschen auf unterschiedlichem Boden und mit anderen Wettern anders. Die turmhohe Wermoutskiefer der Ardidondaks erhebt sich im Hochgebirge des Himalaya gerade mal eben einen halben Meter über dem Stein, und während Orangenbäumchen in Deutschland nur im Gewächshaus und dank unermüdlicher Pflege wachsen, gedeihen sie im Süden Europas an jeder Straßenkreuzung – zumindest im regenreichen Winter.
Seit ich so nah am Land lebe wie hier, verstehe ich immer besser, warum die meisten der noch existierenden indigenen Völker davon sprechen, dass wir dem Land gehören – und nicht umgekehrt. Stein und Pflanze, Wetter und Wind schreiben ihre Zeichen in unser Sein, füllen unsere Träume und unsere Hoffnungen, tragen unsere Freude und unseren Schmerz, nähren uns leiblich und werden von uns genährt.
Tania Blixen schreibt in „Jenseits von Afrika“: „Wird dieses Land einmal meine Geschichte erzählen?“
Ich schenke dem Boden, der Luft, den unzähligen wachsenden und atmenden Geschöpfen um mich herum meine Geschichte, die Flüssig- und Festigkeiten meines Körpers, Tränen, Pisse und Schweiß, wie jeder Atemzug durchdrungen von dem, was mir das Land an Gedanken, Empfindungen und Gefühlen einschreibt. So verwachsen wir ineinander, immer mehr. Assimilation nennt sich das, glaube ich, und es ist ein Austausch, keine One-Way-Road.
Mitten im Winter also der Aufbruch des Frühlings, das Aufweichen der Erstarrungen, das In-Bewegung-Kommen - um dann weg zu fließen und inne zu halten bei herbstlichem Sturm und - doch auch und endlich – winterlichem Frost. Und während ich mich noch im Von-mir-Geben übe wächst mir schon in unglaublicher Geschwindigkeit, die Frucht meiner Mühen entgegen. Höhe und Fall ineinander. Zeit – was ist das?

Freitag, 27. August 2010

Fremdsprache

Eigentlich ist es für eine Nordeuropäerin ja doch irgendwie schier unvorstellbar, dass der Sommer wirklich ein Sommer ist und ungebrochen über Wochen, ja Monate hinweg anhalten kann.
Hier, am südwestlichsten Zipfel Europas ist der Sommer der Durchschnittszustand. Und immer, wenn einEr denkt: So, jetzt wird es kühler - weil eine Nacht mal taufeucht erwacht und ein paar Wolkenfelder über den ansonsten azurblauen Himmel ziehen - dann holt der Sommer nur noch einmal tiefer Luft und erhöht die Thermostattemperatur erneut um einige Millimeter. Nie hätte ich gedacht, dass ich 49°C im Schatten mal "angenehm" finden könnte. Nun ja, alles ist ja bekanntlich relativ.

Wirklich demütig hier machen mich aber die Pflanzen. Sie können ja nicht "mal eben" in den Schatten ausweichen, wenn die Sonne mittäglich alles zu Suppe zerkocht. Aber sie haben ihre Strategien gefunden - sich zum Beispiel gegenseitig Schatten zu spenden. So genannten "Verdrängungswettbewerb" gibt es hier nicht wirklich - warum auch, das Land ist im wesentlichen und unermesslich leer. Statt dessen rücken die Damen und Herren Fenchel, Zistrose, Labkraut und was sonst noch kreucht näher zusammen, halten das Tauwasser fest bis in den späten Vormittag - und schützen sich vor Trampeltieren durch undurchdringliches Dickicht, um das alles einen weiten Bogen macht. Ganz zu schweigen vom gemeinsam gebildeten Schattendach: Beschattest du mich, beschatte ich dich. Ein echtes Lehrstück in Gemeinschaftsbildung.

MenschIn könnte ja meinen, ein solch Sonnengeflutetes Land wäre um die Hochsommerzeit dann ein Meer von Asche. Nun, es überwiegen die Erdfarben, keine Frage. Umbra und Ocker in allen denk- und bildbaren Schattierungen, manchmal von solcher Tiefe, dass es aussieht, als blute das Land aus einer unstillbaren Wunde. Gelegentlich von solcher Luftigkeit, dass eine glauben könnte, der Horizont neige sich dem Himmel entgegen, startbereit für einen Flug auf allgegenwärtigen Staubflügeln. Doch dann fällt die Sonne ins Meer und übergießt alles und jedEn mit einem Licht der Schönheit, rot wird alles und leuchtend von Innen. Und die Bäume glitzern in unzähligen Grüntönen, Silber-, Grau- und Schwarzwaldgrün, der ewige Frühling der Platanen, das flüsternde Grün der Weiden und Erlen, die mit ihren Fingerzweigen über die wenigen und unergründlichen Wasserflächen streichen, das Hustenbonbonfarbene Grün des duftenden Eukalyptus und ihr besänftigender Konterpart, das stille Grün der Kork- und Steineichen. Grüner als alle mitteleuropäischen Sommergrüns ist dieses Grün des Südens, vielleicht, weil es nicht so allgegenwärtig, soviel kostbarer ist und meist nur dort zu finden, wo auch das Wasser wohnt, verborgen und eine seltene Schönheit. Und dazwischen, wie hingeworfene Schriftzeichen einer untergegangenen Sprache, die schwarzen und grauen, violetten Baum-Ahnen, ohne Blätter und wie ohne Leben doch lebendiger Teil der Landschaft, schwarze Gravuren und Geschichtenrauner, leiser Griff in die Seele.

Staubtrocken ist dieses Land und doch jede Nacht klatschnass. Die Häuser sind niedrig und blau und gelb umrandet, gegen den "bösen Blick" sagt man und einEr fragt sich, ob dieser von Innen oder von Aussen kommt. Die Menschen sind klein und stolz auf eine seltsam weiche Art und Weise, unaufdringlich doch schwer zu übersehen. Vielleicht, weil es von ihnen nicht so viele gibt.

Und drumherum das unergründliche Meer, Königinnen-Blau, flüssiges Lapislazuli an einem zugewandten Tag. Voller Gischtherden, stahlgrau und bleischwer zur anderen Zeit, ein sicheres Zeichen, dass die große Herrscherin heute ungestört ihren eigenen Tiefen lauschen will. Wie die anderen Meeresbewohnerinnen habe ich inzwischen - zumindest im Ansatz - gelernt, ihren unausgesprochenen Worten Gehör zu schenken, an ihren Gestaden zu verweilen und mich beschenken zu lassen von ausgewaschenen Skeletten und handschmeichelnden Steinen, die zu hunderten inzwischen meinen Caravan bevölkern. Und jeder Besuch ist eine Audienz, aus der ich gestillt hervorgehe, meine Kleider zu trocknen im Sommerwind.

Eine Fremde bin ich hier mit meinem weizenblonden Haar, den Augen aus geborstenen Himmeln und der milchweissen Haut, die dennoch schon einen dauerhaften Latte Macchiato-Schimmer hat. Wie eine exotische Pflanze rage ich mit meiner Körpergröße aus den heimischen Gewächsen heraus, die noch nicht wissen, ob sie mir Zuflucht gewähren werden. Und ich spreche in fremden Zungen, bin mir selber unbehaust und muss mich immer noch einrichten in der Unbewohnbarkeit. Aber ich liebe schon einmal, und dass ist das Beste von allem.

Demütig macht mich das, nicht klein, plötzlich und unerwartet zu wissen, wie das ist, Einwanderin zu sein, Migrantin. An die Menschen aus der Fremde in Deutschland muss ich denken, und wie selbstverständlich dass einEr sein kann, wie ungefühlt, wenn einEr ganz ungefragt da herkommt, wo sie sich befindet. Und wie anders das wird, wenn einEr denn Standort wechselt. Wie schwer es wird, das Eigene in eine fremde Sprache zu gießen, weil es da den Schatz der Muttersprache gibt, die dem Sein und Gefühlten erst Bedeutung und Substanz verleiht. Inneres Erstummen ist eben nicht "Silence", Verunsicherung nicht "Confusao". Erst als Eintritt-Begehrende wird mir deutlich, wievielt Zu-Wendung es braucht, um das Fremde zum Eigenen zu machen und das Eigene zur Verhandlung zu stellen. Zeit für eine Weltsprache, ein Esperanto, die vielleicht zusammen trägt, was das Beste aus allen Welten ist …

Mittwoch, 11. August 2010

Schmelzen.

Ja, ja, die Zeit geht dahin. Rast. Fällt. Schleicht. Keine Ahnung, wohin. Vielleicht da, hinter den Hügel, über den Berg, fällt in ein Loch, stürzt sich in den universellen Abgrund, schleudert sich um sich selbst um am anderen Ende wieder hervor zu kriechen, schneckengleich, echsengeschwind, langsam blitzesschnelle ...

Die Welt rollt um sich selbst und ab und an treffe ich auf ein Stückchen. Da erreichen mich Bilder aus der Toskana vom Frauentreffen und ich denke: Da sieht es aus wie hier. Irgendwo gibt es ein brennendes, atomverseuchtes Land. Und in Deutschland regnet es ...

Hier nicht. Die Augusthitze hat alles zerschmolzen, die Bewegungen werden langsamer und langsamer und erstarren schließlich in einem leisen Fliessen. Fliegen sind die einzigen Motoren, deren Gebrumm unsagbar laut durch die mittägliche Stille hallt. Und die Erde knackt im Anstrum der Photonen. Ansonsten - geschieht hier eben nichts von dem, was sonst so geschieht, da, wo das Geschehen sich niedergelassen hat. Sommer eben. Stillstandzeit wie andernorts im Winter.

Die Menschen haben so ihre Mühe damit. Irgend etwas muss doch passieren. Nun gut, dann bauen wir halt den Solarturm - solange, bis der erste mit Hitzschlag von der Leiter fällt. Oder hacken den Weg - bis an die Grenze des ermüdeten Metalls, das plötzlich zu weich wird um sich noch unbeschadet in den Schieferboden zu bohren. Zorn kommt auf und Ärger über soviel Widerstand der Materie. Und Alina fragt mich: Wer hat eigentlich den Krieg erfunden? Und ich denke: Wahrscheinlich welche, die sich im Sommer gelangweilt und geärgert haben ...

Ich verstehe, es ist schwer zu ertragen, dieses an-dauernde "Urlaubsgefühl". Natürlich gibt es viele Dinge zu tun und die Not-Wendigkeiten scheinen augensichtlich. Aber es geht halt nicht wirklich, der Süden widersteht dieser aufdringlichen Weltgestalterei und ist sich selbst genug. Und wir Menschen - können nur zu Erde schmelzen oder am Schlaganfall krepieren, mehr Varianten gibt es hier nicht. Gefällt mir, auch wenn ich mich selbt hin und wieder ganz "nutz-los" fühle. Aber das wird schon werden. Spätestens, wenn der erste Regen kommt ....

Und ansonsten - habe ich ein Haus gemietet - für den sogenannten Winter. Und dabei festgestellt, dass ich das Bild dieses Hauses schon lange in mir trage. Jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Gerade klein genug, um nicht aufdringlich zu sein. Gerade renoviert genug, um nicht in ein neues Arbeitsprojekt auszuarten. Gerade weit weg genug um mir Freiraum zu geben hier im Potpourri der menschlcihen Gemeinschaftspsyche. Und gerade nah genug, um zu Laufen. Genau mein Maß, sozusagen. Ab September. Wenn ich bis dahin in eine neue Form zerlaufen bin ...

Montag, 2. August 2010

Pflanzenzeit. Sommerzeit. Zeitlos.

Nur noch wenige Tage und wir sind dann bald schon 6 Wochen hier. Und langsam spüre ich das Ankommen kommen …
Nach den hektischen ersten Tagen mit viel Herum-Gerenne in arger Hitze um all die Dinge zu tun, die eine so zu tun gedenkt - Schattendächer bauen, Tische kaufen, Platten, Krüge, Schuhe, Hüte …. kaufen, ans Meer fahren, in die Berge, diesen schönen Platz und jenen Menschen treffen - schleicht sich nun doch so langsam die Langsamkeit in meine Glieder. Schlafen. Schlafen und Essen. Und wieder schlafen. Musik hören. Dem nächtlichen Grillenkonzert lauschen. Und den Gesängen des Bodens … und immer mehr und noch mehr Lauschen: Dem Wind in den Olivenhainen. Dem Knistern der glühenden Erde, wenn die Lehmschicht in der Mittagshitze birst. Dem morgendlichen Schmatzen, wenn die vom Tau noch feuchten Gräser eingesogen werden vom Durst des Landes … Und ab und an am Computer sitzen, nicht all zu häufig - und hast du nicht gesehen hat dich eine Spinne in ihr Netz eingesponnen, wo du eben mit einer Freundin im weltweiten über Vernetzung philosophiertest …

Zum Pinkeln gehe ich fünf Schritte vor die Tür - keine Verschwendung von Trinkwasser mehr für die Entsorgung von Körperflüssigkeiten. Cremes und Lotionen sind im Korb unter dem Bett verschwunden - da ich mich sowieso nur noch recht selten mit Wasser benetze, um mich zu waschen sind sie überflüssig geworden. Meine Haut- und Körperfette haben diese Arbeit wieder aufgenommen. Ich rieche nach Meerwasser, Schweiss und Wind - und meine jahrelang von Neurodermitis geplagte Haut kommt völlig zur Ruhe, findet ins Gleichgewicht ganz ohne Mittelchen und Kuren. Weniger ist halt doch erstaunlich oft mehr.

Ich wohne draussen, bald 20 Stunden unter freiem Himmel. Ich esse hier, schlafe hier, schreibe, denke, liebe hier. Fast alle Habseligkeiten stehen Draussen, der Sonne, dem Wind und den MitbewohnerInnen ausgesetzt, die ihre Spuren ganz selbstverständlich hinterlassen. Spinnennetze im Wasserkrug, Ameisenaufläufe in den Aquarellfarben und die Spuren einer nächtlichen Besucherin auf dem noch feuchten Bild im Tagebuch … Ich fühle mich nicht ausgesetzt, sondern hineingenommen und bin ganz berührt von so viel freundschaftlicher Platzmacherei für mich Riesin mit Wagen. Immerhin ist hier - wie eben überall - jedes Fleckchen Erde von vielen Völkern bewohnt. Die, so scheint es, mit Assimilation und Zuwanderung keine Probleme haben. Statt dessen meine überflüssig gewordenen Unterhosen zum Nestbau verwenden. Recycling für die Schutzzonen des spätkapitalistischen Neo-Patriarchats.

Wir Menschinnen und Menschen hier tun uns da schon schwerer mit dem Zueinander-Kommen, Aufnehmen und Freiraum schaffen für Ungewohntes und Neues. Starre Tierchen sind wir, die oft nicht einmal mehr wissen, wie und wo es zu dieser Halsstarrigkeit gekommen ist. Meins. Deins. So, wie ich eben bin. Und nicht eben so wie du. Da werden Diskussionen und Aus-Einander-Setzungen notwendig, obwohl der Wunsch doch Zusammenkommen ist. Da müssen Grenzen begangen, ausgelotet und abgesteckt werden, bevor der erste Abriss beginnen kann. Da muss meines erst zu mir finden, damit ich dir das deine lassen kann.

Aber so ist es eben mit uns Menschinnen und Menschen, jüngstes Hervorspringsel einer lustvoll schöpferischen Gestaltung. Ein bisschen wackelig noch auf unseren Beinen staksen wir durch ein Meer Jahrmillionen alter Steine die schon längst hinüber gegangen sind ins Land der äusserst beweglichen Bordüren. Tanz, ja. Bewegung, ja. Fluss auch. Ornamentalik der Begegnungen, aber kein entweder. Oder.

So arbeiten wir uns hier gemeinsam zu Zwanzigst durch die Häute der menschheitlichen Frühpubertät. Und stossen auf erstaunliche Erkenntnisse. Frauen. Und Männer. Felder, die einander berühren. Hervorbringen. Stärken, wenn sie in sich selbst schwingen, schwächen, wenn sie nur auf die Aufnahme äusserer Impulse ausgerichtet sind. Und natürlich, der Schmerz des Geboren Werdens. Des Hervor-Gebrachten und Gebracht Werdens. Die Magie der Häute, die es abzustreifen gilt, damit das alte Neubekannte sein Gesicht zeigen kann, Maske des allzu Menschlichen.

Und ich werde weiter zur Pflanze. Atme Sonnenlicht und lagere die Süße des Seins in meine Zellen.

Montag, 12. Juli 2010

Ankommen um Anzukommen

Yeah - für alle, die mit uns gefiebert haben: Wir haben es geschafft! 4027 Kilometer, keinen Berg zwischen hier und Alzey ausgelassen, mit einem schiefen Wohnwagenrad und bis aufs Metall abgefahrenen Vorderreifen sind wir am Dienstag, den irgenwasten Juni (vor 13 Tagen!) in und an unserem Ziel eingelaufen oder besser eingerollt!

Die letzten 100 km waren eine echte "Atemarbeit", denn auf irgendeinem Feldweg - oh, pardon, natürlich einer potugiesischen Bundesstrasse! - machte uns ein besorgter Mitfahrer auf unser eben schon ganz schön gewaltig schief stehendes Wohnwagenrad aufmerksam! Wahrscheinlich das Ergebnis unserer davor-nächtlichen Irrfahrt hinauf in ein Bergdorf auf der Suche nach einem Campingplatz: Irgendwann steckten wir dann mitten auf dem Dorfplatz fest, zwischen Straßen, so schmal wie ein Handtuch breit, meterhohen Bordsteinen und verwaisten Autos, die immer gerade dort standen, wo wir drehen wollten! Was für ein Ereignis! Mittnächtens war das halbe Dorf auf den Beinen um uns aus dem Nadelöhr wieder hinaus zu manövrieren. Was irgendwann auch gelang - aber eben wahrscheinlich zum Preis unseres linken Außenrads. Was ich gelernt habe dabei: Manchmal ist es eben gut NICHT zu wissen, was Sache ist. Hätten wir gleich schon bemerkt, was da unter uns los bzw. schief war - wir wären wahrscheinlich nicht weiter gefahren. Aber so ... 100 km vor dem Ziel, nach 3027 bereits gefahrenen Kilometern ... fuhren wir eben weiter. Die abgefahrenen Vorderreifen entdeckten wir dann zum Glück erst, als wir ankamen, und auch nur, weil uns jemand darauf aufmerksam machte. Fazit: Das Glück ist mit den Närrinnen!

Aber wie gesagt, ein Stück Atemarbeit wars eben auch. Naja, ist auch mal wieder wichtig, richtig durchzuatmen. Ich habe mich exakt gefühlt wie unter der Geburt von Alina: Zurück geht nicht mehr, was vor dir liegt ist ein Mirakel, die ganze Situation hoch dramatisch - also WEITER ATMEN!

Ankommend durfte ich dann erfahren, dass unsere Elsa tatsächlich doch von Menschenkraft bewegbar war: Zu 10 wuchteten ausgeruhte MitbewohnerInnen unseren Wohnwagen an Ort und Stelle, wieder mal einen (diesmal kleinen!) Berg rauf, zärtlich um Baumsetzlinge herum und - einmal graziös um die eigene Achse gedreht - an die Stelle, wo jetzt denn dann mal für die nächste Zeit mein/unser Zu Hause ist.

Tja, und da sind wir denn nun ... Langsam komme ich an, sozusagen im Schneckentempo. Gewöhnungsbedürftig ist es, das Leben halb unter freiem Himmel, ohne Elektrizität und fließendem Wasser, mit Kompostklo und Freiluftdusche. Ohne ständige städtische Geräuschkulisse, dafür voller nächtlicher Tierstimmen und dem ununterbrochenen Gesumme von ca. 1/2 Milliarde Insekten, denen so ein köstliches Mahl wie unsereins wohl selten unter die Fühler kommt - wenn eine mal von der Anzahl der Insektenstiche auf die Attraktivität schließt. Ohne großartige Rückzugsmöglichkeit vor allem vor einer ununterbrochen niederbrennenden Sonne (Schattendächer sind die architektonische Herausforderung der Stunde!), dafür Wind und Wetter im Gespräch mit Wille und Wollen. Und natürlich - Menschen, Frauen, Männer, Kinder, zu Hauf. Und all die Themen, die eben so zusammenkommen wenn Menschen zusammen kommen ... Raum, Nähe, Distanz, Vergangenheit und Sehnsucht, Abfall und der tägliche Spül. Kein Thema wird ausgelassen ...

Habe ich mir das wirklich so vorgestellt? Mein ganzes inneres Aversionsgerüst knarrt und kracht angesichts von 200-Jahre alten Socken, die auf Wiesen ein Freiluftleben führen, Spülbergen, gegen die sich der Himmalaja warm anziehen muss, überall herum liegendem Krempel, Baumaschinen-Spielzeugen, die den Horizont verstellen und, und, und ... all den Themen, die natürlich durch all das Bekannte getriggert werden wie die Bienchen durch den Honig.

Nein, ehrlich gesprochen habe ich mir DAS nicht überlegt. Aber im Menschen liegt eben das Paradies direkt neben der Müllkippe, da kommt keinEr dran vorbei. Klar, die Frage ist berechtigt, ob wir immer erst durch die eine müssen, um in das Andere zu kommen - aber im Moment führt wohl kein Weg daran vorbei. Schließlich ist doch das aktuelle Thema "Recycling" - und Nachhaltigkeit, erneuerbar .... Wahrscheinlich ist es halt so, dass wir vor der Wiederverwendung von Plastik und Co. erst mal einen Weg finden müssen, unsere eigenen, ganz menschlichen Ressourcen aufzubereiten ...

Wenn das gelingt, kommen dann diese Glücksmomente: Wenn 20 Menschen nahzu aller Altersklassen und Geschlechter zusammen sitzen und lachend unter provisorischem Sonnenschutz experimentelles Essen geniessen. Wenn Tränen fließen wo sonst nur Abweisung stockt. Ausflüge ans Meer. Musik, tief in der Nacht. Und ein Wohnwagen, der in 20 Minuten an Ort und Stelle steht.

Es hat also begonnen, mein Gemeinschaftsexperiment. Und klar: In 14 Tagen bin ich schon dreimal (innerlich) ausgezogen. Aber ich habe mich auch viermal selbst überrascht. Und irgendwann wird es ja auch mal wieder kühler. Hoffentlich.