Freitag, 9. September 2011

Erneuerung


Im tibetischen Buddhismus gibt es ein Ritual, das sich "Erneuerung des Göttlichen" nennt. Gläubige Buddhisten erneuern ihre Beziehung zum Göttlichen, die vor allem eine Beziehung zum "inneren Göttlichen" ist, indem sie sich zum Beispiel auf eine Pilgerfahrt begeben. Dahinter steht die Auffassung, das eine Beziehung, die nicht gepflegt wird stirbt. Und mit ihr auch die Wesen, die in ihr verbunden sind.

Meine "Pilgerfahrt" hat mich innerhalb von 6 Wochen von Portugal über Spanien nach Frankreich, in die Schweiz und Deutschland geführt. Ich habe eine Karte dieser Tour gezeichnet - wie eine große Leminiskate liegen die Spuren da auf dem Land. Ein Balanceakt, in die Unendlichkeit geschrieben.

Die äußeren Zeichen gemahnen an ein Gleichgewicht, das für mich auch im Inneren herzustellen war. Zwischen dem, was ich verlassen und dem, was neu zu beginnen ich erschlossen hatte. Zurückkehren, um noch einmal zu überprüfen ob die Schritte, die Entschlüsse richtig waren, ob ich die Zeichen richtig gedeutet und mich auf das Abenteuer Leben wirklich eingelassen hatte. Ob mein Mut ausreichte, meine Fähigkeit, das sich-noch-nicht-Offenbarende geduldig abzuwarten, die Übergänge zu meistern und mich im Zaunreiten zu üben.

Nach Deutschland zurück zu kehren, auch nur für einen überschaubaren Besuch, war schmerzlich. Das Haus, unsere "in Würde gealterte Schönheit" lieblos behaust von Menschen, die dem Alter nichts oder nur Beschwernisse abzugewinnen vermögen. Der Garten überwuchert, all die liebevoll gepflegten schwächeren Pflanzen verdrängt durch das, was an diesen Platz ohnehin wirklich hingehört. Es war eben doch auch ein Kampf gegen Windmühlen. Oder anders gesprochen: Das Land lehrte mich, dass meine Vorstellungen immer auch meinen Kraftakt brauchen, um Geltung zu erlangen da, wo andere Gesetze herrschen.

Nach Deutschland zurück zu kehren war eine Konfrontation mit meinem Selbstbild: Jener Raum greifenden und Raum gestaltenden Herrscherin ihres eigenen Reiches, in dem vor allem meine Regeln Geltung haben. Weggehen heisst eben auch Loslassen, heisst das bisher bewohnte Reich anderen Kräften zu überlassen, die eine eben nicht und schon gar nicht aus der Ferne kontrollieren kann. Der Ausgang eines solchen Unternehmens ist stets ungewiss, und in meinem Falle ist das mühsam aufrechterhaltene Gebäude gleich mit meinem Weggang über sich selbst zusammen gebrochen. Wodurch mir klar wurde, wie viel ich gehalten habe.

Was mich Deutschland auch gelehrt hat war die Richtigkeit meines Entschlusses. Auch wenn hier in Portugal andere Spiegel auf mich warten, in die zu blicken nicht minder schwerwiegend und entlarvend ist, so schenken mir doch die Stille und die Sanftmut des Landes, die Einfachheit des Lebens jene Wachheit des Herzens, die Lehren nicht zu Strafen, sondern zu Wachstumsprozessen macht.

Nach Deutschland zurück zu kehren war eben auch eine Erneuerung: Gelebter und geliebter Beziehungen zu Menschen, vor allem Frauen, die mein Leben durch ihre Wachheit, ihren Mut und ihre Entschlossenheit stets bereichern. Erneuert die inneren Bande, die mich mit dieser gebeutelten Heimat verbinden, dieses überbevölkerte Vorzeigestück menschlichen Schaffensdranges. Und auch hier sind es die Bäume, die Steine, vor allem der Fluss Rhein, die mein Herz berühren, die Schwere und Tiefe des Landes in denen ich mich wieder finden kann. Ja, das bin ich auch, und nach Deutschland zu reisen war auch eine Erneuerung zu diesen Aspekten des Göttlichen in mir.

Und wie in den Fingerfadenspielen der Kindheit habe ich auch gesehen, was mich immer noch bindet, wo ich noch eingewoben bin in das Textil der Gegenwärtigkeit. Mein Besitz, der hier noch verwahrt steht, geliebte Möbel und vor allem Bücher. Gedankenschätze, die ich hüte, weil sie mich immer wieder auch nähren, so wie bei diesem Besuch. Wo wäre ich geblieben ohne sie?
Hierher, nach Portugal kann ich sie nicht tragen, hier verflüchtigt sich dieser Zufluchtsort sofort, nicht nur aus reinem Platzmangel. Rückzug in Gedankenräume ist hier weder notwendig noch sinnvoll, Fremdgedachtes untauglich für die Präsenz des Seins. Hier ist, was in Deutschland nur Vorgestellt ist - ob Spirituelles, Atmendes oder Unterbau.

Was mich in Deutschland rettet, wird hier zur Last. Was mich hier belastet, wird aus der deutschen Ferne betrachtet zur Bedeutungslosigkeit. So hängen diese beiden Teile meines Lebens zusammen, irgendwo um ein gemeinsames Zentrum gespannt, das geografisch an der Ardeche liegt. Der rote Faden ist die Frage der Grenzen: Wo liegt mein Reich, wo endet es? Wie viel Schutz und Abgrenzung braucht es wirklich? Wo halte ich fest, was längst durchlässig geworden ist und wo vernachlässige ich, was Zuwendung und Pflege, was Schutz bedarf?

In Cambra Skadés Buch "Am Feuer der Schamanin" gibt es eine anrührende Geschichte von zwei Kriegerinnen, die ausziehen, einander zu bekämpfen. Irgendwann erkennen sie, dass es in Wahrheit um Heilung geht. Die Kriegerin, die ihr Messer verwendet, um Krankes, Kränkendes herauszuschneiden und zur Heilerin wird. Ihr Symbol ist die liegende Acht.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Die wilde Standhaftigkeit


Vor meiner Tür wächst - nein, nicht eine, wachsen hunderte wilder Möhren. Die Wiese des Tals, in dem mein Wohnwagen steht ist überzogen mit weißen Punkten, kleinen, scheinbar schwerelos im Wind tanzenden Ufos, Milchstraßen, Planetensystemen des Insektenreichs. Sie strecken sich hervor aus den gelb und rosa durchfluteten Wiesen, überragen an Wuchs und Eleganz Quecke, Hafer und Wiesenschaum - und sind für mich ein Wunder der Standhaftigkeit.
Ich glaube, dieser Beweis des Sieges über die Schwerkraft wäre mir völlig entgangen, hätte ich mich nicht eines schönen Morgens vor mich hinträumend beim Kaffee, sinnierend über Nichts und wieder nichts vom Tanz der gigantischen Blütenkrone hypnotisieren lassen. Und erkannt: Dieses Wunder der Statik, dieser Balanceakt zwischen Gewicht und Grazie, dieses Zusammenkommen von solch gigantischen Dimensionen in einem Lebewesen - das ist eigentlich unmöglich.
Denkste, scheint die wilde Möhre mit leisem Gekichere zu flüstern. Und balanciert dabei auf hauchdünnem Stengelchen eine strahlende Galaxie weisser Miniblüten als wäre es das Einfachste unter der Sonne. Warum auch nicht. Das größte Mirakel dabei ist allerdings, dass sie dieses Gleichgewicht in jeder Sekunde wohl tausendmal neu findet, denn sie steht nicht etwa starr und stumm. Nein, in wild ekstatischem Tanz gibt sie sich völlig an Wind und Wetterspiel hin, schleudert nach links und rechts, neigt sich, richtet sich auf, nur um im nächsten Moment schier in die Höhe zu springen ... In die Höhe zu springen? Ihre Wurzeln scheinen im Äther zu gründen. Und blitzschnell ist sie noch dazu. Auch wenn sie, träge hin und her schwankend wie eine bedrohlich aufgerichtete Kobra glauben machen möchte, sie könne kein Wässerchen trüben. Nun, mich täuscht dieses zarte Pflänzlein nimmermehr.

Im Gegenteil: Seit ich ihrer wahren Natur teilhaftig werden durfte, sie sozusagen freundschaftshalber den Schleier der Illusion ein wenig gelichtet hat (wie bin ich eigentlich zu dieser Ehre gekommen?) ist sie meine Kampfesgefährtin. Meine Magierin, die unter dem Teppich kehrt, meine Lehrmeisterin in Sachen leichtsinniger Starrköpfigkeit. Sie nimmt sich niemals ernst - wie könnte sie. Ein ernsthafter Versuch, dieses Blütenplateau auf die Höhe von 120 cm anzuheben lediglich unter Verwendung aufeinander geschichteter Photosynthese, ohne Abstützung ringsherum wäre unter Verwendung logischer Betrachtungsweisen absolut unmöglich. Sie würde wie die Hummel, deren Flügel ebenfalls mathematisch viel zu klein sind, um ihr Körpergewicht zu tragen am Urteil des gesunden Menschenverstandes abprallen, zurückgeschleudert in die Unmöglichkeit, aus der sie gekommen scheint.

Aber zum Glück schert sich die wilde Möhre nicht um den Menschenverstand, ob nun gesund oder doch eigentlich völlig verdreht. Ja, eine könnte sie glatt Ignorantin nennen, wie sie da allen definierten Naturgesetzen zum Trotz einfach in die Höhe schießt und mit lächerlicher Einfachheit alle Glaubensregeln, die eine so verankert hat in ihrem Leben aus den Fugen lächelt. Du kannst nicht fliegen? Tanzen? Alleine wandern? So.

Sie macht nicht das Unmögliche möglich, sie stellt nicht einmal generell die Frage der Möglichkeiten in Frage. In gänzlicher Unbefangenheit schafft sie inmitten eherner Regelwerke ein neues Universum. Sie ist einfach ganz bei sich. Sie glaubt nicht und benötigt von daher auch keinen Zweifel, der ihr hinderlich im Wege stehen könnte. Sie IST die perfekte Ausgewogenheit des Unvergleichlichen, die völlige Verschmelzung grundlegender Widersprüche, die Brücke zwischen Nichtsein und Sein.

Es geht eben schon.

Montag, 20. Juni 2011

Meine Himmel


"Ich habe nie geschrieben, wenn ich zu schreiben glaubte, ich habe nie geliebt, wenn ich zu lieben glaubte, ich habe nie etwas anderes getan, als zu warten vor verschlossener Tür."
(Marguerite Duras; Der Liebhaber)


Es heißt, die Welt verändere sich, sei im großen Wandel begriffen. Das Ende eines - aus menschlicher Sicht - unvorstellbar langen Zyklus nähere sich, würde mit sich reißen was alt und verbraucht, nicht länger wahr zu sein scheint und eine neue Morgenröte bringen. Die Zeichen zeigten sich allerorts, unverkennbar für jene, die zu sehen bereit oder in der Lage seien. Feuersbrünste, Meeresbeben, Kernschmelzen - fast schon erwartet mit einer sich am Entsetzen nährenden Lüsternheit. Rote Fluten aus Magma, Blut und unverdauter Information ergießen sich über die Erde, Speise und Trank für ein Zeitalter das die Apokalypse zum abendlichen Medienereignis erkoren hat. Brot und Spiele fürs Volk.

Seit 12 Monaten lebe ich in einem 12 qm großem Wohnwagen fast am Ende der Welt. In einem portugiesischen Tal, in dem die Sensationen aus dem jähen Aufblühen der ockerfarbenen Erde nach den ersten Regengüssen des Winters oder einer einfallenden Rotte Schweine bestehen. Die üblichen Theaterbühnen des Lebens kleiden sich in schmerzliche Ereignislosigkeit und wie die Bewohner der platon´schen Höhlen einst muss der Geist Fantasie und Psyche bemühen, um das Rad der gewohnten Dramaturgie dennoch am laufen zu halten. Ansonsten: Fliegengeschwirr, Mückenstiche, Wind in den Bäumen, tosende Brandung, zirpendes Gras, dahin huschende Eidechsen und ab und an das Drama von Leben und Tod. Tage, die sich wie Kaugummi dehnen und plötzlich wie ein ebensolcher, bis an seine äußersten Grenzen gespannter zusammenswitchen zu einem kleinen grauen Klumpen. Die Details, einmal bis an die Grenzen des Überdeutlichen klar und umrissen verschwimmen ineinander zu einem nicht näher Definiertem, einer Eventualität mit fraglicher Bedeutung. Sinn ist eine unsinnige Behauptung. Evolution? Entwicklung? Was bedeutet Veränderung in einem sich ständig neu entwerfenden Universum das sich - aus menschlicher Sicht - in schier unglaublicher Trägheit, wenn überhaupt, bewegt?

Wie das Leben der meisten Menschen, die ich kenne, verändert mein Leben sich eigentlich überhaupt nicht - oder mit so rasanter Geschwindigkeit, dass ich jeden Versuch der Einsicht oder Kontrolle auch gleich fahren lassen kann. Sicher, ich lebe nicht mehr so wie vor einem Jahr, oder vor 15 oder 35 Jahren. Ich habe mein Wetter an einen anderen Ort getragen. Meine Himmel jedoch sind die gleichen geblieben.

Als wären wir in einen Rahmen gestellt, dessen Grenzen wir ablaufen, aber nicht überwinden können. Wie in "Die Wand" von Marlene Haushofer können wir sogar hindurchsehen, was gelegentlich zu Unfällen führt weil wir gegen die durchsichtigen Mauern anrennen, denn das Gras ist drüben viel grüner als hier. Mag das Blau des Himmels zu unserem Schutz gegeben sein ändert es doch nichts an dem schmerzlichen Umstand, dass wir die sind, die wir sind.

Gibt es ein göttliches, ein über den Wassern schwebendes Sein, so ist es doch ebenso wie wir an die Bedingungen unserer Existenz gebunden. Ohne das Blau des Himmels würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach unmittelbar in die Bodenlosigkeit stürzen. Oben wäre nicht mehr wie unten, die Welt würde sich nicht mehr um sich selbst drehen und wir wären verloren in unserem Angewiesen-Sein auf das Beständige. Den Wiedererkennungswert des Spiegelkabinetts, in dem wir leben. Würde was auch immer uns verändern wollen, müsste sie/er/es äußerst langsam und bedächtig vorgehen eben weil unser Geist so gerne Bescheid weiß und vor allem - stets ein Wörtchen mitzureden haben will. Ich sehne mich nach der anderen Seite und bin doch noch gar nicht angekommen da, wo ich herkomme. Mein Reich liegt leer und verödet, mein Thron modert vor sich hin und bald schon werden die letzten Bastione zerfallen sein. Vielleicht ist das der Wandel, den wir erwarten. Endlich erlöst zu sein vom Gepäck der Erfahrung, dem Drücken des Wissens um, der Last des nicht ungeschehen machen Könnens.

Über meine Himmel zieht eine Wolke. Unten am Horizont ballt sich zusammen, was ein Sturm werden könnte, wenn ich es denn so wollte. Noch streicht der Wind zärtlich über meine Wangen, kühl und erfrischend. Doch schon in wenigen Stunden wird die Hitze unerträglich werden, wird mich in den Erdboden brennen, mich ganz und gar verglühn. Der Himmel wird dann violett sein, tief und fern mit einem Stich Gelb für den Neid. Spätestens dann wird mein Geist ausziehn, ins Grenzland. Sind die Schatten nicht tiefer, dort drüben?

Dienstag, 12. April 2011

Geborgenheit und Mut


Vor einigen Wochen schrieb Antje Schrupp, eine befreundete Journalistin und Philosophin in ihrem Blog über eine Ringvorlesung der Berliner Humboldt-Universität mit dem Titel „Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert“. In ihrem Text nimmt sie den Titel kritisch unter die Lupe und setzt ihm eine weibliche Betrachtungsweise entgegen: Geborgenheit und Mut.

Vor rund 11 Monaten haben meine Familie und ich entschieden, die vermeintlichen Sicherheiten eines Lebens in "wohl geordneten" Bahnen zu verlassen. Vielen erschien und erscheint es nach wie vor als eine Entscheidung gegen Sicherheiten. Ein "sicheres" Dach über dem Kopf, "sichere" Lebensumstände, kalkulierbare Risiken. Versicherungen. Mir - uns - erschien das nicht so. Das drückende Gewicht verordneter und wachsender "Ver-"Sicherungen machte aus unserem Leben einen Schwitzkasten, der uns schließlich an den Rand einer prekären Lebenssituation brachte. Das Risiko, zwischen die Maschen zu fallen war irgendwann größer als ein potentieller Nutzen.

Heute lebe ich in einem Wohnwagen. Ich zahle keine Miete - dafür habe ich die schönste Landschaft vor dem Fenster, ein Plumpsklo in 100 m Entfernung und Wasser, das ich täglich aus der Quelle hole. Wenn es regnet, verwandelt sich mein Haus in eine Trommel, wenn es windet in ein schwankendes Schiff und wenn - wie heute - die Sonne scheint habe ich Sauna und Solarium in einem. Und - ich fühle mich geborgen. Die Wände meiner 6 qm großen Behausung umgeben mich wie die schützenden Arme einer Mutter - wenn ich denn diesen Schutz mal brauche. Ansonsten schaue ich hinaus und finde die Welt aufregend und anziehend. Ich fühle mich wie ein Kind, das die Welt neu entdeckt. Und alles darin ist wunderbar, aufregend und - lebendig.

Unter meinem Wohnwagen lebt eine Schlange. Nachts kommt uns manchmal die Wildkatze besuchen und jagt meine zugelaufenen, etwas ängstlichen Nahezu-Hauskatzen auf den Baum. Meine Tochter wurde schon vom angeblich tödlichen Hundertfüssler gebissen und ich sammle allabendlich die Zecken aus unserem Fell. Risiken, überall. Und das Wasser, das wir trinken, stammt aus einem 100 Jahre altem Brunnen und hat erwiesener Maßen keine Trinkwasserqualität nach allgemein gültigem westeuropäischem Standard. Stimmt. Ich musste mich erst dran gewöhnen, dass das Wasser plötzlich nur noch nach Wasser schmeckt.

Ich will unser Leben hier nicht über den grünen Klee loben. Es gibt unzählige Herausforderungen Tag für Tag, wovon nicht die geringsten menschlicher Natur sind. Und wenn sich im Dauerregen das Land in eine Matschwüste verwandelt oder die unnachgiebige Sonne alles zu Staub zerdorrt, dann kommen wir an die Grenzen dessen, was wir für erträglich halten. Dann fordert das Leben hier Mut, manchmal im Übermaß.

Dennoch - ich würde nicht zurück gehen. Ich fühle mich geborgen in einer Schöpfung, die von mir Wachheit und Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Hingabe fordert. Ich liebe es, zu ent-domestizieren. Oder auch auszuwildern.

Ich komme mir auf den Grund. Spüre die Wände des inneren Gefängnisses, das mich von der vollen Teilnahme am Leben abhält. Aus Sicherheitsgründen. All die vielen Jahre habe ich gelernt, mich durch Schutz zu bewahren. Weil ich mich in dieser Welt nicht beheimaten konnte. Der Alien in einer feindlichen Umgebung.
Heute lerne ich, dass ich ein Teil dieser Schöpfung bin. Exakt und auf das Beste angepasst. Innen wie aussen. Vollständig geborgen in dem, was ich bin.
Ich kann mich auflösen und wieder zusammen setzen. Und das Fremde bleibt nur so lange fremd, wie ich es ein- und abkapsle. Indem ich es aufnehme und ihm Raum gebe, durchwachsen wir einander und werden neu. Ein Hundertfüsslerbiss, an dem eine nicht stirbt ist das exakte Beispiel dafür. Indem ich aufnehme, lerne und wachse ich. Wie alles Lebendige.

An einem anderen Ort in dieser Welt brechen andere Gefängnisse entzwei. Diktatoren werden gestürzt und das, was jahrzehntelang im Verborgenen blühte tritt ans Tageslicht. Und - Reaktoren erweisen sich als untaugliche "Sicherheitsverwahrungen" für Kräfte, deren Natur die Entfaltung ist. Was zu lange unter zu engen Bedingungen gehalten wird bricht sich schließlich scheinbar gewaltsam frei. Aber wie die asiatischen Kampfkünste lehren: Es ist nur der Widerstand, der die Gewalt erzeugt.
Die Kräfte der Erde, einst in Braunkohle, Erdöl und Uran gebunden sind freigesetzt. Wenn ich atme, esse, bin nehme ich diese ungebundenen, diese "freien Radikale" zu mir. Damit sie nicht auch in meinem Körper das nächste zu sprengende Gefängnis finden gilt es jetzt, durchlässig zu werden. Damit alles, was rein kommt, auch wieder raus kann. Und dazwischen aus mir eine andere macht.

Damit habe ich gerade richtig zu tun. Ersteinmal werden alle Engpässe deutlich, alle Erstarrungen fallen ins Gewicht. Eine Woche konnte ich mich nicht bewegen weil ich immer noch an meinem Kreuz trage. Und zu Kreuze krieche. Sowohl die Märtyrerin als auch das Opfer sind Rollenmodelle, die ich nicht so ohne weiteres ablegen kann. Was wären denn die Alternativen?

Montag, 14. März 2011

Sehnsucht Fremde



Wir lieben, was uns vertraut ist. Und wir sehnen uns nach dem, was fremd ist.

Menschen fahren in Urlaub, wandern aus. In Kino und Literatur werden uns ferne und fernere Welten vor das Auge geholt, globalisierte Märkte bescheren uns thailändisches Essen, exotische Gewürze und billige Kleider aus Fernost. Was Anfang des 20. Jahrhunderts das Sagen umwogene Saragossa, das glitzernde Samarkand und das mysteriös versunkene Atlantis war – ist heute Pandorra, die Besiedelung des Mars oder die unerforschte Tiefe des Meeres. Auf seiner schier unersättlich Suche nach immer unbekannteren Unbekannten, immer ferneren Gestaden scheint der menschliche Geist an immer weiteren Horizonten zu schweifen. Immer auf der Suche nach dem, was noch nicht gewesen aber denkbar ist, noch nicht gehabt doch nahezu greifbar, auf jeden Fall aber irgendwie erreichbar und machbar sein muss. Als wäre es das verfluchte Schicksal dieses allzu menschlichen Werkzeuges, nie da zu sein, wo es ist.

Doch zu Hause ist es am schönsten.

Da, wo die altbekannte Ordnung Sicherheit verleiht im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten. Wo man sich scheinbar versteht, weil der Gleichklang der Worte Heimat schafft. Ähnlichkeit. Vertrautheit. Geborgenheit im Gleichmaß der Tage, der Ereignisse, der kalkulierbaren Risiken. Und entgegen allem Unwägbaren versichert sich das kollektive Ganze aneinander. Schließt die Reihen. Lasst das Fremde nicht eindringen in die guten Stuben, in die Rückzugsorte von der Welt.

Hässliche Fratzen werden der Abschreckung halber an die Grenzpfosten gemalt: Dunkelheit. Hunger. Armut. Schwarze Menschen, braune und gelbe. Aussatz und Krankheit. Schlafen unter den Brückenbogen am Rande der Rinnsteine. Furcht und Krieg und Tod.
Doch die Dämonen haben Füsse bekommen und Beinchen und haben sich eingeschlichen ins biedere Dasein. Tragen fußstabilisierende Halbschuhe und Nadelstreifenanzug, sprechen hochdeutsch und niesten sich wohlvertraut ein zwischen den Deckblättern von Steuererklärungen, Krankenscheinen und Hochschulnoten. Regieren die Träume im traumzeitlosen Land. Sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, vertrauter fast als das eigene Fleisch. Längst schon liegen die Grenzen verwahrlost, ist das Grenzland still und heimlich eingezogen ins Nachbargrundstück und streichelt schon sanft um den Zaun.

Doch sind die Zäune erst einmal eingerissen, bleibt nicht mehr viel, das es zu verlieren gäbe. Diese Rechnung hat der Wirt ohne das Leben gemacht: Ist es erst mal da, lässt es sich so leicht nicht mehr vertreiben. Wächst aus dem Dunkel hervor wie die lichtscheuen Gewächse, die noch die letzten Ruinen sprengen mit ihrer unerwarteten Blütenpracht. Und plötzlich ist einEr draußen.

Aus gutem Grund waren es daher wohl immer die Paria, die Außenseiter, Störenfriede, Wiederspenstigen, die Unzähmbaren, die zuallererst aufbrachen, dorthin, wo das kollektive Sehnen wohnt. Und es mit unversiegbarer Bilder- und Wortflut nährten vom Hunger nach der Fremde. Kommt. Schaut. Hier ist alles anders als dort. Besser. Das Gold glänzt glänzender, die Tränen schmecken nach Salz und Meer und die Träume sind hochfliegende Falken die ihren Schatten auf´s Land werfen. Ganz nah ist alles, wie eine Fata Morgana im Schnee.

Doch am noch ferneren Horizont ziehen Wolken auf. EinEr trägt das Wetter mit sich, zieht es hinter sich her wie an seidenen Nabelschnüren, unentwirrbar verronnen mit dem, was zurück bleiben soll und immer doch schon da ist.
Und die vertraute Brille - Mutter-Sprache, Vater-Land, Brüder zur Sonne und Schwestern im Geiste – überzieht das Fremde mit dem samtenem Schal dessen was Ordnung schafft. Und Wiedererkennen besetzt das Morgenland mit dem Gestern.

Vielleicht können wir die Grenzen nur nach Innen verschieben. Enger ziehen bis das wir uns nicht mehr entkommen können. Unsere liebgewonnenen Deutungsmuster, Geborgenheit-stiftenden Gewissheiten in die Enge treiben bis das sie sich enttarnen und ihr gescheutes fremdes Gesicht zeigen.

Dienstag, 15. Februar 2011

Portugiesischer Winter


Mein erster Winter in Portugal. Während andernorts das Land sich in ein weißes Kleid aus Schweigen, Dunkelheit und kristallenes Licht hüllt, lösen sich hier alle Zuordnungen auf: Zwischen herbstlichem Nebel voller tautropfengeschmückter Spinnwebdiademe an Ästen und Fenstern und kathedralhohen Azurhimmeln erfüllt von Vogelgezwitscher und Schäfchenwolken springen die Tage zwischen den Jahreszeiten hin und her, fällt an den einen Bäumen das herbstlich rostrote Laub im gleichen Moment, in dem der Mandelbaum sein Blütenkleid anlegt und in den Zitrusfruchtbäumen die Orangen reifen. Alles hat neben allem Bestand, alles ist und kann gleichzeitig sein. Statt linearer Bewegung von A nach Z spiralförmiges Nebeneinander uralter Runensymbole in ihrer ganzen Bedeutungsfülle.
Es ist das Wasser, dass nahezu unaufhörlich in der einen oder anderen Form vom Himmel fällt, die Straßen in Bäche verwandelt und jede kleine Senke in einen See, das schwebende, sprühende, tosende, gurgelnde und rauschende Wasser, das diese fast schon unwirklichen Momente der Gleichzeitigkeit bewirkt.
Nach 9 Monaten unerbittlichen Sonnenscheins, der alles in Grund und Boden glüht, öffnet der Himmel seine sorgsam verschlossenen Schatzkammern und lässt all das aufgesparte Wasser auf einmal auf dieses ausgetrocknete Land nieder brausen, das ausschlägt wie eine magische Wüstenblume. Und weil diese gezählten Momente des Über-Flusses so gezählt sind, muss eben alles, das ganze Leben, Fruchtbarkeit, Zeugung, Heranwachsen, Reife und Tod zur selben Zeit stattfinden. Ganz so, wie im „richtigen“ Leben.
Meine auf die nord- und mitteleuropäische Ausdehnung der Zeit, auf das sorgsame und stetige Aufeinander-Folgen, auf das Nacheinander der Jahres- und Lebenszeiten ausgerichtete Seele hat ihre Mühe mit der Eingewöhnung. Ähnlich wie die zur Bewegungslosigkeit zwingende Sommerglut ist es jetzt die Milde und das alle Sinne auf- und überfordernde Aufquellen des Seins, welches zur Umstellung einfordert. Jetzt wird gesät, damit vor der großen Hitze noch etwas reift. Jetzt treibt der laue Sonnenschein nach Draußen, erwecken die Eiskristalle am Morgen und der von Stürmen reingewaschene Ozean alle Lebenssinne, kommt alles Angestaute unweigerlich in Fluss und ergießt sich zur großen Vereinigung ins Meer. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Und das – mitten im Winter.
Unvorstellbar, dass der Frühling dies noch steigern könnte. Das Ocker, Umbra und tiefe Sepia des Sommers hat sich in ein Irisch-Grün verwandelt, die schroffen und abweisenden Steppen des Hochsommers in die liebreizenden Täler der Golfstromumschmeichelten Inselwelten. Die Luft schmeckt süß und verheißungsvoll, tausend Blümchen säumen die Wege und an jeder Ecke, scheint´s wird gerade ein Lämmchen geboren. Verdichtetes Leben.
Wie anders die Welt ist, überall. Ich denke an die Wälder Amazoniens, in das Dämmerlicht des ewigen Waldes getaucht, triefend vor Nässe und ohne den Taktstock der Jahresgezeiten. An das Land im ewigen Eis, sechs Monate im Jahr dunkel und nur angelegentlich erleuchtet von unkalkulierbarem Feenlicht. An die Wüsten mit ihren Extremen von Glut und Frost im Laufe nur eines einzigen Tages. An das Leben in den Sümpfen und den Höhen des Himalaya, in träger Luft oder solcher von schon überirdischer Klarheit und Präzision.
All diese Gebiete haben Seelenlandschaften hervorgebracht, die voneinander eben so verschieden sind wie die Länder aus Stein, Erde, Wolken und Pflanzen. Wie in den Biotopen der Erde gedeihen auch die Seelen der Menschen auf unterschiedlichem Boden und mit anderen Wettern anders. Die turmhohe Wermoutskiefer der Ardidondaks erhebt sich im Hochgebirge des Himalaya gerade mal eben einen halben Meter über dem Stein, und während Orangenbäumchen in Deutschland nur im Gewächshaus und dank unermüdlicher Pflege wachsen, gedeihen sie im Süden Europas an jeder Straßenkreuzung – zumindest im regenreichen Winter.
Seit ich so nah am Land lebe wie hier, verstehe ich immer besser, warum die meisten der noch existierenden indigenen Völker davon sprechen, dass wir dem Land gehören – und nicht umgekehrt. Stein und Pflanze, Wetter und Wind schreiben ihre Zeichen in unser Sein, füllen unsere Träume und unsere Hoffnungen, tragen unsere Freude und unseren Schmerz, nähren uns leiblich und werden von uns genährt.
Tania Blixen schreibt in „Jenseits von Afrika“: „Wird dieses Land einmal meine Geschichte erzählen?“
Ich schenke dem Boden, der Luft, den unzähligen wachsenden und atmenden Geschöpfen um mich herum meine Geschichte, die Flüssig- und Festigkeiten meines Körpers, Tränen, Pisse und Schweiß, wie jeder Atemzug durchdrungen von dem, was mir das Land an Gedanken, Empfindungen und Gefühlen einschreibt. So verwachsen wir ineinander, immer mehr. Assimilation nennt sich das, glaube ich, und es ist ein Austausch, keine One-Way-Road.
Mitten im Winter also der Aufbruch des Frühlings, das Aufweichen der Erstarrungen, das In-Bewegung-Kommen - um dann weg zu fließen und inne zu halten bei herbstlichem Sturm und - doch auch und endlich – winterlichem Frost. Und während ich mich noch im Von-mir-Geben übe wächst mir schon in unglaublicher Geschwindigkeit, die Frucht meiner Mühen entgegen. Höhe und Fall ineinander. Zeit – was ist das?

Freitag, 27. August 2010

Fremdsprache

Eigentlich ist es für eine Nordeuropäerin ja doch irgendwie schier unvorstellbar, dass der Sommer wirklich ein Sommer ist und ungebrochen über Wochen, ja Monate hinweg anhalten kann.
Hier, am südwestlichsten Zipfel Europas ist der Sommer der Durchschnittszustand. Und immer, wenn einEr denkt: So, jetzt wird es kühler - weil eine Nacht mal taufeucht erwacht und ein paar Wolkenfelder über den ansonsten azurblauen Himmel ziehen - dann holt der Sommer nur noch einmal tiefer Luft und erhöht die Thermostattemperatur erneut um einige Millimeter. Nie hätte ich gedacht, dass ich 49°C im Schatten mal "angenehm" finden könnte. Nun ja, alles ist ja bekanntlich relativ.

Wirklich demütig hier machen mich aber die Pflanzen. Sie können ja nicht "mal eben" in den Schatten ausweichen, wenn die Sonne mittäglich alles zu Suppe zerkocht. Aber sie haben ihre Strategien gefunden - sich zum Beispiel gegenseitig Schatten zu spenden. So genannten "Verdrängungswettbewerb" gibt es hier nicht wirklich - warum auch, das Land ist im wesentlichen und unermesslich leer. Statt dessen rücken die Damen und Herren Fenchel, Zistrose, Labkraut und was sonst noch kreucht näher zusammen, halten das Tauwasser fest bis in den späten Vormittag - und schützen sich vor Trampeltieren durch undurchdringliches Dickicht, um das alles einen weiten Bogen macht. Ganz zu schweigen vom gemeinsam gebildeten Schattendach: Beschattest du mich, beschatte ich dich. Ein echtes Lehrstück in Gemeinschaftsbildung.

MenschIn könnte ja meinen, ein solch Sonnengeflutetes Land wäre um die Hochsommerzeit dann ein Meer von Asche. Nun, es überwiegen die Erdfarben, keine Frage. Umbra und Ocker in allen denk- und bildbaren Schattierungen, manchmal von solcher Tiefe, dass es aussieht, als blute das Land aus einer unstillbaren Wunde. Gelegentlich von solcher Luftigkeit, dass eine glauben könnte, der Horizont neige sich dem Himmel entgegen, startbereit für einen Flug auf allgegenwärtigen Staubflügeln. Doch dann fällt die Sonne ins Meer und übergießt alles und jedEn mit einem Licht der Schönheit, rot wird alles und leuchtend von Innen. Und die Bäume glitzern in unzähligen Grüntönen, Silber-, Grau- und Schwarzwaldgrün, der ewige Frühling der Platanen, das flüsternde Grün der Weiden und Erlen, die mit ihren Fingerzweigen über die wenigen und unergründlichen Wasserflächen streichen, das Hustenbonbonfarbene Grün des duftenden Eukalyptus und ihr besänftigender Konterpart, das stille Grün der Kork- und Steineichen. Grüner als alle mitteleuropäischen Sommergrüns ist dieses Grün des Südens, vielleicht, weil es nicht so allgegenwärtig, soviel kostbarer ist und meist nur dort zu finden, wo auch das Wasser wohnt, verborgen und eine seltene Schönheit. Und dazwischen, wie hingeworfene Schriftzeichen einer untergegangenen Sprache, die schwarzen und grauen, violetten Baum-Ahnen, ohne Blätter und wie ohne Leben doch lebendiger Teil der Landschaft, schwarze Gravuren und Geschichtenrauner, leiser Griff in die Seele.

Staubtrocken ist dieses Land und doch jede Nacht klatschnass. Die Häuser sind niedrig und blau und gelb umrandet, gegen den "bösen Blick" sagt man und einEr fragt sich, ob dieser von Innen oder von Aussen kommt. Die Menschen sind klein und stolz auf eine seltsam weiche Art und Weise, unaufdringlich doch schwer zu übersehen. Vielleicht, weil es von ihnen nicht so viele gibt.

Und drumherum das unergründliche Meer, Königinnen-Blau, flüssiges Lapislazuli an einem zugewandten Tag. Voller Gischtherden, stahlgrau und bleischwer zur anderen Zeit, ein sicheres Zeichen, dass die große Herrscherin heute ungestört ihren eigenen Tiefen lauschen will. Wie die anderen Meeresbewohnerinnen habe ich inzwischen - zumindest im Ansatz - gelernt, ihren unausgesprochenen Worten Gehör zu schenken, an ihren Gestaden zu verweilen und mich beschenken zu lassen von ausgewaschenen Skeletten und handschmeichelnden Steinen, die zu hunderten inzwischen meinen Caravan bevölkern. Und jeder Besuch ist eine Audienz, aus der ich gestillt hervorgehe, meine Kleider zu trocknen im Sommerwind.

Eine Fremde bin ich hier mit meinem weizenblonden Haar, den Augen aus geborstenen Himmeln und der milchweissen Haut, die dennoch schon einen dauerhaften Latte Macchiato-Schimmer hat. Wie eine exotische Pflanze rage ich mit meiner Körpergröße aus den heimischen Gewächsen heraus, die noch nicht wissen, ob sie mir Zuflucht gewähren werden. Und ich spreche in fremden Zungen, bin mir selber unbehaust und muss mich immer noch einrichten in der Unbewohnbarkeit. Aber ich liebe schon einmal, und dass ist das Beste von allem.

Demütig macht mich das, nicht klein, plötzlich und unerwartet zu wissen, wie das ist, Einwanderin zu sein, Migrantin. An die Menschen aus der Fremde in Deutschland muss ich denken, und wie selbstverständlich dass einEr sein kann, wie ungefühlt, wenn einEr ganz ungefragt da herkommt, wo sie sich befindet. Und wie anders das wird, wenn einEr denn Standort wechselt. Wie schwer es wird, das Eigene in eine fremde Sprache zu gießen, weil es da den Schatz der Muttersprache gibt, die dem Sein und Gefühlten erst Bedeutung und Substanz verleiht. Inneres Erstummen ist eben nicht "Silence", Verunsicherung nicht "Confusao". Erst als Eintritt-Begehrende wird mir deutlich, wievielt Zu-Wendung es braucht, um das Fremde zum Eigenen zu machen und das Eigene zur Verhandlung zu stellen. Zeit für eine Weltsprache, ein Esperanto, die vielleicht zusammen trägt, was das Beste aus allen Welten ist …