Mittwoch, 15. Februar 2012

Der Morgen



Wir haben ein Lied über den Fluss. Den Fluss, der fließt und wächst, und dem Meer zugetragen wird. Es soll ein beruhigendes Lied sein, voller Zuversicht und Vertrauen, denn darin heisst es auch, es sei der Fluss, der uns trägt. Doch weiß der Fluss das? Kennt der Fluss seinen Weg, sein Ziel? Und wird er, am Ende sich ins Meer ergiessend (denn das zu wissen ist es, was wir ihm voraus haben), erkennen, dass es dieses ist?
Wird er frohlocken, singen, sich voller Freude hingeben? Oder wird er das Ende seines langen Weges bedauern, voller Trauer zurückblicken auf Quelle, Fälle, Gebirge und Stein, sanfte Mündungen, Ufer voller Weiden und Narzissen? Und die Bilder, schimmernde Spiegelungen auf seiner nimmer ruhenden Oberfläche, die tausend geflüsterten Geschichten, all den Schweiß und Urin den er fort gewaschen, all die Tränen, die er gesammelt, all die Leidenschaft, die er mit seinen Armen umfangen hat - werden sie mit ihm vergehen? Und wird es eine Gnade sein, all diese Last weiterzugeben - oder ein Fluch?

Der Morgen kommt mit beissender Klarheit. Wie Lanzen stechen die Strahlen der aufgehenden Sonne in das noch im Dämmerlicht liegende Zimmer, reißen Einzelheiten hervor aus einem verschwimmenden Hintergrund. Die Armreifen aus Silber, Trauergeschenk. Perlen und Knöpfe wie erstarrt. Staubglimmer in der Luft, ineinander geschachtelte Universen in diesem, das uns einzig erscheint.
Mein Körper, noch warm unter den Decken. Ja, noch ist er da. Unter der Haut der flimmernde Schlag des Blutes, das Stöhnen und Ächzen der Winde darüber. Und ja, der Schmerz auch, lässt mich wissen, es ist hier wo ich bin. Wiedergefunden nach einer Reise durch fremde Häuser und Wohnungen, deren Möbel ich im Traum immer wieder und wieder neu arrangiere, umstelle, solange bis kein Durchkommen mehr ist. Etwas in mir sucht nach einer Ordnung, die verloren ist. Und was mir im Traum nicht gelingt, wird es mir hier, auf dieser Seite, in einem Körper, noch schwer von der nächtlichen Arbeit, wird es mir gelingen, mit diesen Händen, denen all die getanen und unterlassenen Taten sich so unweigerlich eingeschrieben haben, tief und tiefer?

Gezeter reißt mich aus Gedanken, von denen ich längst weiß. dass sie zu nichts taugen. Das morgendliche Konzert der Vögel, Amseln, Spatzen, hunderte Arten von Finken und darunter das Gesurre der türkischen Tauben. Als ich vor die Tür trete, kreist ein Rabe übers Haus, dreimal, kolkt mir seinen Schrei entgegen. Zauberbote, Begleiter von Hexen und Ausgestoßenen. Da weiß ich, dieser Tag wird den Worten gehören, und wieder der Einsamkeit.

Worte und Einsamkeit. Kaum kann ich die Buchstaben voneinander trennen, noch schwerer das Gewicht ihrer Eigenheit.

W
O
R
T
E

E
I
N
S
A
M
K
E
I
T

ORTE ROTE WO SAMEN KEIM SORTE WEITE WEINE WIRT TIERE TORTE ENTKAM ATEM KRISE SEIN WARTE MASKE KNIE  STEIN ART START REIN AMEN NAME MEIN STREIT.

Ein ganzes Universum in zwei Worten. Wo der rote Samen keimt. Trost und Verdammnis zugleich, Geschenk und Fluch diesem Körper mitgegeben, der schon zerschlagen war, bevor das Leben Hammer und Meißel ansetzte, so, wie es das immer tut. Nicht von der Sorte, die Weite zu beweinen. Nein, Weite war nicht das Problem. Sie war da drinnen, immer, selbst, als dieser Leib bandagiert, aufgeschnitten und für Jahre in Gefängnisse aus zerbrochenen Knochen und Gips gesperrt wurde. Direkt hinter den geschlossenen Lidern, nur ein Zittern und einen Atemzug entfernt. Fluchtpunkt. Der Krise entkommen. Steinhart unter der Maske des duldsamen Wirtes wurde mein Name Streit. Von der Art der Steine. Unnachgiebig, wie tot. Der Schein, aufgelegt für die Achtlosen die Lebendigkeit verschleuderten wie lautes Gebrüll.

Doch wie unter der glatten Schale des Samenkorns schlief unter der abweisende Spröde ein Herz. Äonenweiter Rhytmus, nicht vernehmbar im flüchtigen JETZT. Warte, mein Herz, habe Geduld. Schlage, mein Herz, zerschlag das Gebein. Verharre in Lautlosigkeit, stiller Same rot und labe dich an dem, was ist. Einsamkeit. Denn das Wasser wird kommen und dich erweichen. Der Fluss wird fließen, einst, hier in dieser Wüste. Ich kann ihn fast schon riechen. Geh auf die Knie. Lege dein Ohr an die Erde. Hülle dich in die Geste der Demut, mache dich unsichtbar darin. Damit sie zu dir kommen können, die Worte.

Dennoch hat es Jahre, Jahrzehnte gedauert, bis ich diese Magie verstanden habe. Tiekma sni´e etro-w. Nichts war da, am Anfang, und davon soviel, dass es sich bis heute in Schwärze hüllt. Wie der Rabe, der jetzt wieder über meinem Haus kreist, diesem geliehenen Unterschlupf für mein im Übergang befindliches Sein. Sein Geschrei ruft mich zurück aus der Falle, die das Versinken in längst Vergessenem ist. Schmiede die Lanze, solange das Feuer brennt. Hole sie heraus aus dem Feuer, die glänzenden, diamantenen Worte, verführerisch und doch abweisend wie Glas. Schärfe ihre Kanten. Bohre sie in das Fleisch des Selbstmitleids, in die Täuschungen von Auge und Herz. Berge ihn, den roten Samen, und werfe ihn in den Fluss. Jetzt.

Freitag, 16. Dezember 2011

Wi(e)der die Kolonialisierung der Seele

Die Wächterin am Weg zu meinem Haus - umgestürzt in der Luzen-Nacht am 13. Dezember, dem Beginn der Tödin-Zeit - offenbart sie ihre "wahre" Erscheinung. Hekate, die, die in den Bäume wohnt.

Auf meinen letzten Blogeintrag, „In den Zwischenräumen leben“ haben mir erstaunlich viele Menschen geschrieben. Alte Freundinnen, zu denen der Kontakt schon lange eingeschlafen war, Menschen, die sonst eigentlich nicht mit mir kommunizieren und schon gar nicht über so sensible Themen wie die Angst. Aber irgendetwas scheint an dieser zu sein, dass Menschen förmlich zwingt, sich zu äußern, Position zu beziehen. „Hüterin Angst“ heisst sie auch, Schwellenwächterin. Nein, an ihr kommt keinEr vorbei.

Mitgefühl entsteht, Mit-Fühlen, erkennen, wahrnehmen. Da ist etwas Bekanntes, Vertrautes. Aus Mit-Empfinden entsteht der Wunsch, Mit-zu-Teilen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt der Volksmund.

Abwehr taucht auf. Da suhlt sich eine im öffentlichem Raum in ihrem Schmerz. Gibt auf. Geht unter. Du bist wohl verliebt in dein Leid, zelebrierst es, dehnst es aus bis on Horizont zu Horizont nichts mehr ist außer dies: Opfertum. Die Kultur der kollektiven Täter verträgt Konfrontation mit den Ergebnissen des eigenen Wirkens schlecht. Wir haben zu glänzen und den Sieg davon zu tragen - auf allen Ebenen.

Beide Reaktionen haben mich verwundert. Nein, mein Schreiben ist kein Schrei der Verzweiflung nach Wahrnehmung. Und nein, ich fühle mich nicht als Opfer, auch wenn die Angst auch das Resultat einer Opferung ist. Und ja, ich finde, wir sollten uns vergegenwärtigen, was und welche wir opfern. Und nein, es geht mir nicht um die Vernichtigung der Angst. Es geht mir um die Ent-Kolonialisierung meiner Empfindungen, meines lebendigen Leibes und Lebens.

Am Anfang war das Dunkel. Und dann kam das Licht. Zerriss die Stille und brachte ein Ei hervor. Das auch zerbrach - und heraus purzelten all die Erscheinungen der Welt. Und oben und unten, rein und befleckt waren geschaffen. So einfach ist das in fast allen neuzeitlichen (!) Schöpfungsmythen der Welt. Speziell an unserer, patriarchal gefärbten Kultur(en) ist, dass das „Unreine“ stets das Leibliche/Weibliche ist während rein und unbefleckt nur das Oben ist, und in diesem Falle natürlich männlich noch dazu. Wie gut, dass das „Oben“ noch dazu der Berührbarkeit entzogen ist. Als leibliche Wesen, angewiesen auf die körperliche Erfahrbarkeit, können wir nur glauben, was uns übers „Oben“ berichtet wird. Von den Erleuchteten, die seiner Makellosigkeit teilhaftig sind. Eben weil sie die Anbindung an die Leiblichkeit scheinbar überwunden haben. Alles strebt zum Licht.

Aber ich komme aus dem Dunkel. Aus dem warmen, feuchten und nährenden Leib meiner Mutter. Wie das Gras und die Bäume, tief verwurzelt in dem, was einEr nicht sehen kann. Und von dem wir doch alle wissen, wie es sich anfühlt.
Jeden Abend versinkt die Sonne hinter dem Horizont, das Licht schwindet - und plötzlich wird deutlich, dass wir da die ganze Zeit in einer Blase geschwommen sind, blauviolettgrünweißrotrosaschillernd, doch drumherum ist nach wie vor - Dunkel. Samtschwarze Nacht, nur hie und da gesprenkelt mit Lichtpunkten, Sternen, von denen die meisten schon verloschen sind. Ihr Licht, eine Erinnerung aus der Vergangenheit, eine Vision der Zeitlosigkeit der Schöpfung. Jetzt, eben und nachher fallen in Eins, fallen ins Dunkle, sind in ihm aufgehoben, eingebettet.

Um uns Dunkel. Und in uns Dunkel. Mehr als Dreiviertel unserer Oberfläche ruhen im ständigen Dunkel. Ach, was sage ich, Neun-Zehntel. Im warmen, lichtlosen Gluckern und Schmatzen des Leibes. Licht, das braucht eigentlich bloß meine Netzhaut, selbst meine Haut schützt sich, instinktiv, wenn zu viel Licht einfällt. Die Wärme des Lichtes, ja - aber heisst das, dass das Dunkle kalt ist?

Seit ich in Portugal lebe, weiß ich, dass das Dunkle selten völlig schwarz ist. Seit ich an 330 Tagen und Nächten draußen lebe, ist mir die Nacht, das Dunkle vertraut geworden. Die beredte Stille. Das lichte Schwarzgrauviolettgrünblauweißumbraocker .... . Die Stimmen der Nachttiere. Die Landschaft in ihrem Wärmekleid. Und es braucht nur wenige Nächte im Haus und schon geht diese Vertrautheit wieder verloren. Von Innen durch die doppel-verglasten Fenster her betrachtet, bei elektrischem Licht sitzend ist die Nacht nur schwarz, abweisend und bedrohlich. Es ist dieses Licht, dass dem Dunkel die Heimat abspricht. Das es uns fremd und vor allem „anders“ er-"scheinen“ lässt.

Weil ich das weiß, weil ich es an meinem Leib und in meinem Stoffwechsel erfahren habe, weiß ich, dass es sich mit dem Dunkeln in unserer Seele genauso verhält. Erst der „Schein“ des industrialisierten Lichtes, des „Funktionierens“ und der Denkungsweise des „Arbeitens“ macht das Dunkle, die Heimat unserer Seele zur allumfassenden Schwärze - wobei mir die Farbe die Verwendung in diesem Zusammenhang verzeihen möge - noch weiß ich kein besseres Wort.

Schwarz ist die Angst, dunkel greift sie nach dem Licht unserer Seele - so oder ähnlich lauten die Beschreibungen. Sumpfig, faulig ist ihr Terrain, voller stinkender, verrottender Emotionen. Tod und Verderben folgen ihr auf dem Fuße, nichts, was sie berührt, bleibt unversehrt.

Eine Freundin schrieb mir vom inneren Bild ihrer Angst: Ein kleines, verwildertes und verwahrlostes Mädchen, mit schmutzigen Kleidern und verfilztem Haar, alleine hockend in der Dunkelheit auf einem Felsen überm tosenden Meer. Besser könnte es einEr nicht beschreiben.

Mit meiner Angst lebend und mich mit ihr vertraut machend, offenbart mir, dass sie die Hüterin meiner Wildheit ist. Jener Aspekte in mir, die nach wie vor undomestiziert und dank ihrer Verborgenheit, Widerborstigkeit und Unzähmbarkeit unkolonialisiert sind. Es sind die „Primitiven“, die sich den Verlockungen von Bildung für alle, Fressen bis zum Umfallen, Coca-Cola, Levis-Jeans und Sneakers gegenüber unbeeindruckt zeigen. Das, was es da zu wissen gäbe, ist uninteressant weil nicht spürbar. Das, was es da zu essen gäbe, macht nicht satt. Und die Kleidung verkleidet lediglich, was die samtschwarze Nacht und den funkelnden Tag fühlen will. Die Erde unter den bloßen Füßen.

Wenn ich schreibe, ich kenne kein Gegenmittel gegen die Angst, dann ist das Aufgabe. Aufgabe eines Kampfes gegen die Aspekte des Lebendigen, die nicht „funktionieren“. Und Hinnahme. Des Geschenkes eines nach wie vor, trotz aller Morde lebendigen Lebens, das sich nicht abspeisen lassen will.

„Natürlich“ fürchte ich die Angst - weil sie mir in die Haut schreibt, wo ich schon abgestorben bin. Das schmerzt - doch plötzlich dann das Wissen - was schmerzt kann noch nicht ganz tot sein! Ist der Tod etwa doch nicht so ultimativ, so endgültig wie ich zu glauben gelernt habe? Ist es die schwarze Alte, Mutter Tödin, die Tod-im-Leben und Leben-im-Tod Göttin, die da sitzt in dunklen Teil meiner Seelenlandschaft und mir zuraunt: Glaube nicht alles, was du siehst? Nicht alles, was glänzt, ist gold!

Man hat mich gelehrt, dass das Leben feindlich ist. Dass ich mich schützen muss, um zu überleben. Dass es ein richtiges, ein „gefälliges“ (!) Leben gibt und ein falsches, ein „gefallenes“ (!). Das eine verheißt Belohnung, das andere Strafe. Dennoch: Richtig bin ich, wenn ich gefalle. Oder auch auf die Täuschungen herein. Falle.

Auf jeden Fall - eine Falle. Und wie jedes lebendige Tier nage ich mir seither das Teil ab, das in Gefangenschaft geraten ist. In der Hoffnung, dann zwar versehrt, aber wieder frei zu sein.

Wächterin Angst zeigt mir den Schmerz dieser Selbstverstümmelung. Und den Mut und die Kraft die dennoch auch dort sind. Einen Teil zu opfern für das Überleben des Ganzen.

Meine Freundin schreibt, es geht um die Zuwendung der Erwachsenen zu diesem wilden, ungezähmten Kind. Um Unabhängig zu werden von der Zuwendung der anderen, Außen. Doch ich frage mich: WelchEr ist denn da „erwachsen“? Müssten wir nicht vielmehr sprechen von denen, die „entwachsen“ sind? Warum erscheint die Wächterin Angst fast immer in unserer kindlichen Gestalt? Weil sie so hilflos ist, so angewiesen, so abhängig? Hätte sie dann wirklich so lange überlebt?

Ich befürchte, die Trennung der eigenen Seelenlandschaft in „Kindlich/Kindisches“ und „Erwachsenes“ ist nur ein weiterer Versuch, die Sache unter Kontrolle zu bringen. Auch die Missionare und Entwicklungshelfer gingen/gehen an die so genannten „Primitiven“ wie an Kinder heran, unvollkommene Erwachsene eben, für die Sorge getragen, die „erzogen“ werden müssen. Wenn wir dem zustimmen, machen wir uns zu Mithelfern unserer eigenen Kolonialsisierung und der anschließenden Ausbeutung unserer freien Seele.

Die Wächterin Angst trägt das Gesicht eines Kindes, weil ich nur noch durch dieses Bild zu erweichen bin. „Kindheit“, das ist das sentimentale Reservat eines verkitschten Bildes von Heilsein. Verdrängungsort all unserer Sehnsüchte. Das Kindchen-Schema löst unser versteinertes Herz, unsere Brieftaschen und unser Mitgefühl.

Die Wächterin Angst ist klug und über alle Klischees erhaben. Sie nutzt, was ihr zur Verfügung steht. Sie zeigt sich uns im Bild des hilflosen Kindes, damit wir ertragen können, was wir da sehen. Damit unser Leib erwacht, unsere Wasser zu fließen beginnen, wir wieder fühlen, was es zu fühlen gibt: Dieses da, was uns angeboten wird und wurde, ein „er-ent-wachsenes“ Leben - ist ein Verrat. Ein Verrat an unserem Geburts-“Recht“, dass Leben ganz und gar zu besitzen/bestehen/erfahren. Wir können ihm nicht entgehen. Wir können es nur so lange verdrehen, bis es unkenntlich geworden ist.

Ich habe meine Angst eingeladen, sich ihrer wahren Gestalt zu offenbaren. Ich habe versprochen, sie/mich nicht zu (ver-)trösten. Ich habe mich bereit erklärt, zu empfinden, was es zu empfinden gibt. Zu hören, damit ich fühlen kann. Deshalb kenne ich - zum Glück - kein Gegenmittel.

Noch traut sie mir nicht wirklich über den Weg. Noch springt sie mich an, in den kalten Morgenstunden, in der Dämmerung, in den Zeiten dazwischen. Wie Mantren flüsternd offenbart sie mir meine einbrannten Glaubenssätze: Ohne Erfolg bist du nichtig, ohne Geld wirst du vergehen, ohne Gesellschaft vereinsamen. Du bist nicht, wenn dich keinEr sieht. Wenn kein Licht eines anderen Bewußtseins auf deine Schatten fällt. Suche nach Erleuchtung, und du wirst dieses Leben verlieren.

Inzwischen wache ich dann ganz auf und lausche ihr. Spüre ihrem Zerren und Ziehen in meinem Körper nach. Wo wird es mir eng, was beginnt zu surren und flirren wie zartester Flügelschlag unter der Haut? Welchen Tanz tanzt mein Herz im Überspringen von Rhytmen, im Aussetzen? Und mein Atem?

Die Seele ist ein Schwarm, sagen die Yoruba. Sie flattert mal hierhin, mal dorthin. Sie ist neugierig und schreckhaft. Sie ist hier - und schon fort.

Die Mitochondrien sind die Grenzen der Zellen, Schwellenland, Hüterinnenheimat. Sie werden lebendig nur von Mutter auf die Tochter vererbt. Bei Männern sind sie inaktiv. Meine Ahninnenreihe, in jeder lebendigen Zelle meines eingeborenen Leibes. Voller Ahnung, Wissen, das sich nicht ohne weiteres offenbart, in Worte fassen lässt. Hier wohnt die Angst, Begleiterin von Frauengeneration zu Frauengeneration. Meine Angst ist auch die Angst meiner Mutter, ihrer Mutter, deren Mütter. Sie gab mir Form. Gestalt. Mein Leib ist meine Seele, meine Seele mein Leib, untrennbar. Sie hütet diesen Schatz, indem sie mich die Vernichtung zu wissen schaut im Dunkeln. Ihre Freierfüsschen. Ihre Gutsle. Ihre Genüsse. Sie sagt: Dies ist nicht durchzustehen - und stellte mich auf tönerne Füsse.

„Doch“, sagte Frieda Kahlo, „wofür brauche ich Füsse, wenn ich Flügel habe!?“


Donnerstag, 8. Dezember 2011

In den Zwischenräumen leben



Langsam, sehr langsam beginnt Verstehen sich durchzuringen. Endlich innehalten, endlich gewahr werden, endlich - was? Aufgeben?

Ein Leben lang auf der Flucht. Vor diesem Gefühl in der Brust, das sich bevorzugt in Herbst und Winter einstellt, wenn die Nebel fallen, alles Leben sich dem Kern zuwendet, Stille einzieht und Langsamkeit. Wenn die schillernden Attraktionen des Sommers verblassen, wenn Abenteuer zu Geschichten werden, am Kamin erzählt. Zu Erinnerungen gerinnen, ein ums andere Mal hervorgezogen aus dem Denkraum, nachgeschmeckt, hin und her gewendet am Gaumen - wenn es doch immer so gewesen sein könnte.

Wenn das Leben eine einzige Abfolge von wundersamen, außerordentlichen Ereignissen sein könnte. Eines herausragender, umwerfender als das andere. Damit Lebendigkeit gespürt, Ekstase erfahren werden kann - das Elexier des echten, des einzig wahren Lebens.

Doch der Alltag ist grau. Die Versprechungen der Kindheitsgeschichten, dass Eine durch fremde Lande ziehen wird, die drei Blutstropfen der Mutter als Schutz am Busen, von Begegnungen mit Hexen und Prinzen, goldenen Gänsen am Wegesrand und gedeckten Tischen - sie alle entpuppen sich schließlich als aus Zelluloid gemacht, dem schonungslosen Lichte ausgesetzt bald verblassend, blasenwerfend, bis sie schließlich sogar dem Projektor den Garaus machen. Sie werden auch durch die ständige Wiederholung nicht wahrer, die Versprechen von allumfassender Liebe, unbegrenzten Möglichkeiten und dem Recht auf die Erfüllung sämtlicher Wünsche und Bedürfnisse. Nein, ich bin keine versehentlich als Baby vertauschte Königstochter, kein doppeltes Lottchen und auch nicht die, der sich am 11ten Geburtstag magische Befähigungen offenbaren. Ich bin und bleibe einfach nur - ich.

Dieses kleine ins Leben geworfene Bündel aus Fleisch, Fühlen, Wissen-Wollen, Sehnsucht, Angst, Freude - und all der anderen, tausendfach gespiegelten Empfindungen und Emotionen. Ein Stoffwechsel im Stoffwechsel, ständig im Wechsel.

Ich weiß nicht, ob es allen Menschen so geht. Aber in meiner Brust, da wohnt sie, diese ständig nagende Furcht. Das mir morgen der Himmel auf den Kopf fiele und ich in der Gosse lande. Dass ich mich plötzlich sterbend einem allwissenden, kontrollierenden, urteilendem Wesen gegenüber sähe welches verdammt noch mal nichts anderes zu tun hat als mich zu fragen, was ich denn aus all den mir mitgegebenen Gaben so gemacht hätte? Nichts? Wie bedauerlich - ab ins Fegefeuer.

Ja, ich weiß: Angstbilder, genährt aus einer f(r)u(r)chtbaren christlichen Gehirnwäsche. Aber selbst wenn ich Gott und das Fegefeuer abziehe, bleibt da diese grundlegende Versagensangst. Das Klassenziel des Lebens verpasst zu haben. Als Einzige.

Es ist die Angst, nicht WIRKLICH zu leben - ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, was das denn wäre. Die Angst vor Einsamkeit inmitten tausender glücklich Verbundener. Vor dem Schweigen, der Übermacht des eigenen Schattens. Eigentlich bin ich kläglich, geizig, gehässig und geil. Und alle können es sehen.

Vor über einem Jahr bin ich davongerannt: Diesem beklemmenden Gefühl, dass mein Leben einfach nur so ereignislos dahinrinnt. Der Angst, mein Schatten könnte mich einholen und alles, was ich schon immer hinsichtlich meiner völlig wahren Unzulänglichkeit befürchtet hatte, könnte wie Pech auf mich niederregnen. Ich dachte, wenn ich nur schnell genug laufe, anderswo hingehe, dorthin, wo das Leben tobt, die Ereignisse sich überschlagen und ungezählte Begegnungen auf mich warten, dann würde endlich Weite einziehen in meine Brust. Dann würde ich dieses Gefühl von Vergeblichkeit abschütteln können.

Heute sitze ich hier in diesem Häuschen, mitten im Nirgendwo und stelle fest - es hat nicht funktioniert. Weder ist das Leben hier grundlegend anders als anderswo, noch hat sich an dieser hartnäckig auf meinen Spuren wandelnden Angst etwas getan.

Und die Reaktionen sind auch wieder die selben: Verstecken möchte ich mich, irgendwo ins Nirgendwo abtauchen. Unsichtbar werden - vielleicht weil ich hoffe, die Angst würde mich dann nicht finden? Zweigeteilt mein Geist, Sehnsucht nach bedeutenden Erlebnissen hüben, Wunsch zu verschwinden drüben. Doch nach und nach sind alle Fluchtwege versperrt.

Langsam beginne ich zu verstehen, dass sie es ist, der ich mich zuwenden muss. Sie wird mich nicht „auslassen“, sie wird mir solange und immer mehr zusetzen, dass verstehe ich jetzt. Und es gibt keinen Ort an den ich gehen könnte, nirgends.

Nein, ich habe keinen Bestseller geschrieben. Kein Mittel gegen den Krebs gefunden, keine sensationell neue Entwicklung in der Kunst initiiert, kein weltenverbesserndes Friedensprojekt gegründet. Ich werde wohl weder den Pulitzer-Preis für mein Lebenswerk erhalten noch den Nobelpreis für Physik. Ich werde nicht herausragen aus der Menge der ganz gewöhnlichen Menschen. Im Außen gibt es nichts für mich zu tun - trotz all der Gaben, die anscheinend in diese Richtung weisen.

Heute erkenne ich mehr und mehr, dass meine Aufgabe vielleicht lediglich darin besteht, diesen inneren Gartenzaun einen Millimeter weiter zu verschieben. Etwas Land zu gewinnen da, wo wir alle flüchten, weil der Boden zu heiss ist. Nicht eben spektakulär. Aber wahrscheinlich bedeutsam. Und vielleicht wird es auch nur für mich Bedeutung haben.

Die Kunst ist, die Befürchtungen aufsteigen zu lassen, sie nicht mehr zu bekämpfen, sie Raum einnehmen zu lassen, doch ohne sich an sie zu binden und fälschlicherweise zu nähren. Dem zugewendet, erscheinen Bilder eines verkrampften, zusammengekauerten Wesens, uralt und zeitlos. Um es herum ist nichts, doch harrt es der Schläge, deren Ausbleiben es nicht zu registrieren scheint. Erstarrt in einer nutzlos gewordenen Schutzhaltung und Abwehr. Nicht hinschauen. Nicht hinfühlen, da ist nur Schmerz. Es könnte entdeckt werden, dass es da ist. In all seiner Jämmerlichkeit, mit all den schrecklichen Dingen, die es getan und unterlassen hat. Auf Vergebung kann nicht gehofft werden. Die Entdeckung des Makels ist unausweichlich. Und die darauf folgende Vernichtung.

Was soll ich nur tun, was soll ich nur tun, ohne Zuhause, ohne Rückzugsort, an den mir keiner folgen kann!? Den Gewalten, Elementen und vor allem der Willkür anderer ausgesetzt stehe ich da, schutzlos, Heimatlos, ohne Fluchtpunkt, die Perspektive ausgelöscht, unter mir zerbröckelnder Staub. Panik steigt auf, und wieder nimmt der Leib ganz von selbst diese Haltung ein, krümmt sich in sich selbst, zieht sich ein wie eine Schnecke, die Angriffspunkte verkleinern, Augen feste zusammengepresst, nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen, verschwinden. Jeder Muskel, jede Faser angespannt bis zum Zerreissen, ein äußerer Panzer aus Furcht.

Ich habe kein Gegenmittel gegen die Angst. Furcht ist einfach nur Furcht. Sie ist nicht tapfer, nicht erhaben, sie läutert nicht und hebt eine nicht heraus. Sie ist ein Knoten verschlungener Dinge ganz am Boden des Grundes. Ich - das ist eine Projektion all der Dinge, Eigenschaften, die gerne währen, Gegenmittel, Antidote der Angst. Die Mutige. Die Entschlossene. Sogar das Hervorzeigen-können dieses Angstknotens gehört zur Illusion. Heutzutage kennt eine ihren Schatten und wirft in furchtlos.

Angst, sagt der Buddhismus, ist das Tor zum Mitgefühl.
Angst ist der Schatten, der zur Ganzheit integriert werden muss, sagt die New-Age-Psychologie.
Angst ist Angst ist Angst - sagt die Angst.

Ich habe kein Gegenmittel. Ich kann sie nicht mildern noch mindern. Sie geht nicht weg, nicht durch Zusammensein mit anderen Menschen, nicht im Gebet, an keinem Sommertag im leuchtensten Sonnenschein inmitten des aufregensten Abenteuers, welches das Leben zu bieten hat. Alles, was ich beobachten kann, ist, dass sie wachsen kann, sich aufblähen und ausweiten von Horizont zu Horizont, so dass nichts anderes bestehen kann neben ihr - oder dass sie schrumpft, auf einen winzig kleinen, harten Kern in der Mitte der Dinge, gefangen im Satz: Was wäre, wenn ...? Aber da, da ist sie immer.

Ich denke, sie ist der Preis dafür, dass wir das Ganze, was auch immer das meint, die tiefe, selbstverständliche Bindung zum Leben verlassen haben, um dieses fragile, wackelige kleine „ich bin“ hervorzubringen. Wir können die Verbindung noch spüren, eine hauchzarte Brücke ist da noch, und die Angst besteht darin, sie könnte reissen. Und wir treiben ab ins Unendliche, ohne Wissen um das wie zurück.

Und ich glaube auch nicht, dass es ein Zurück gibt. Wir können nur weiter - nach vorne, oder nach rechts, links, oben, unten, in diese oder jene Dimension. Wir können dieses „Ich bin“ nur weiter entfalten, es möglicherweise wieder beschneiden, da wo wir unkontrolliertes Wuchern gewahr werden. Und die Angst, dieser klitzekleine Kern von Ertappt werden, zur Rechenschaft gezogen werden für dieses maßlose Vergehen, den Fuß vor die Türe des gemeinsamen Kollektiven gesetzt zu haben, er wird uns vielleicht anleiten, eine Sonde sein, die uns den Weg weist.

Möglicherweise haben wir Gottes Plan für uns Menschen verworfen. Überschritten. Vom Baum der Erkenntnis gegessen. Das Paradies verloren. Aber Gott gibt es nur in uns, was ihn oder sie oder es natürlich nicht weniger, sondern eher mehr wirklich macht. Den Zorn, die Vergeltung. Die es auch nur gibt, weil es uns gibt. Mich. Ich. Ich schaue mir ins Antlitz und erkenne meine Unvollkommenheit. Gott ist fehlbar. Furchtbar.

Meine Heimat ist dahin. Ich habe kein Zuhause mehr. Jetzt richte ich mich in den Übergängen ein. In der Diele, auf der Schwelle. Gleich werde ich weiterziehen müssen. Hier ist kein Verharren. Es sucht mich. Und ich eile ihm gelegentlich entgegen.

Montag, 21. November 2011

Schweigen im Blogwald



Schon wieder einmal November. Schon wieder einmal ein Jahr fast vorbei. Schon wieder einmal wochenlang kein Sterbenswörtchen - Schweigen hier und Stille im Blog.

Es gibt eine lebendige weibliche Tagebuchkultur, die sich wie ein roter Faden vom hier und heute in die Vergangenheit schreibender Frauen zieht. Virginia Woolf. Silvia Plath. Susan Sontag. Ganz unterschiedliche Welten, ganz unterschiedliche Lebens- und Schreibstile und doch der allem gemeinsame Wunsch, dem Alltag den Spiegel vorzuhalten, die eigene Seele zwischen Kindern und Küche, Teestunden und Treffen, Wollen und Wunsch aufzufinden. Welche bin ich unter all den vielen, welche Bedeutung hat das, was sich steig wiederholt - und wohin steuert das Schiff - und überhaupt: steuert?

Diese Tagebücher waren und wahrten Geheimnisse. Profanes, was eine nicht ans Tageslicht gezerrt haben wollte. Ganz Intimes, Eigenes, Unausgegorenes und oftmals schamhaft Wahres. Kein Wunder, dass manche der Tagebuchschreiberinnen ihr Innerstes, das da schonungslos offen gelegt wurde für viele Jahre auch nach dem eigenen Tod geschützt haben wollten. Nicht immer ging dieser Wunsch in Erfüllung. Und nicht selten war dieser Wunsch nach Verborgenheit paradox verbunden mit einem sehnsüchtigen Exhibitionismus. Ein Glück. Für mich jedenfalls, denn die eigentlich nur für sich selbst niedergeschriebenen Zeugnisse eines ganz normalen Lebens auch der allergenialsten Dichterin runden deren Bilder erst ab, machen sie vollständig. Oder zeigen, was der vollkommenheitssüchtige öffentliche Blick lieber nicht gesehen haben wollte.

Heute sind die ledergebundenen Hefte, die klecksenden Füllfederhalter, Schnellhefter und Plastikkugelschreiber abgelöst von Bildschirm und Tastatur. Und statt nummernschloßgesichertem Tagebuch schreiben wir Blog. Öffentlich. Das, was früher gut und gerne mal 50 Jahre und mehr ruhen konnte um die Patina der Reife anzusetzen ist heute gleichzeitig innen - und schon draußen. Schon in der Welt, bevor ich es noch fertig ausgebrütet habe.

Zugegeben, ich liebe es, die Blogs meiner Freundinnen zu lesen, Marie-Luise Stiawa, Cambra Skadé und Salamandra, den Blog von Luisa Francia lese ich nahe zu täglich, sofern mich hier in der portugiesischen Pampa das Internet nicht im Stich lässt. An ihren Gedanken, ihrem magischen Alltag teilzunehmen verbindet mich ein Stück weit mit der Welt, in der sie leben. Ihre Texte sind die Fäden meines Netzes, das sich durch ganz Europa spannt. So kann ich in meinem abgeschiedenen Tal sitzen und doch ganz intim wissen, was diese Frauen an- und umtreibt. Telepathisch unbegabt, nutzen wir die virtuelle Welt, um gemeinsam zu tanzen.

Und doch gibt es da dieses Unbehagen. Nicht wegen der angeblich fehlenden Intimsphäre. Erstens entscheide ich ja selbst, was ich hier veröffentliche - und zweitens gibt es dieses „Private“ gar nicht wirklich. Nicht, weil wir eh schon „ausgespitzelte“ Nummerncodes sind bevor wir überhaupt unser Handy angeschaltet, unsere EC-Karte verwendet oder einen Flug gebucht haben. Nein, ich persönlich bin immer mehr davon überzeugt, dass das, was wir unsere eigenen, geheimsten Gedanken und Identitäten nennen tagtäglich mit Millionen anderer Wesen teilen. Nichts in und an uns ist singulär. Das macht ja auch die eigentliche Kraft des Schreibens und Veräußerns aus: Das andere sich darin wieder erkennen.

Nein, mein Problem ist eher die Geschwindigkeit. Oder der Zwang zur kontinuierlichen Aktualität. „The power of now“ - dieser etwas abgegriffene Slogan eines New-Age-Bestsellers könnte auch über den Blogwäldern des Internet stehen. Jetzt. Gleich. Und sofort. Gestern ist Asche, Morgen eine neue Sensation.
Seit ich hier in Portugal lebe, bin ich deutlich langsamer geworden. Und bin doch häufig immer noch zu schnell. Mein Hirn arbeitet immer noch auf Hochtouren beim etwas müßigen Versuch, alles zu er- und begreifen, einzuordnen, zu analysieren und zu verstehen. Dabei: Was gibt es eigentlich „zu verstehen“?

Was ich hier erlebe ist der Wechsel eines Paradigmas: Vom „Sein“ zum „Mit-Sein“. „Mittendrin-Sein“, ununterschieden einzufließen und gewahr werden der eigenen Schwingungsmuster. Ein Prozess, der sich weit vor der Versprachlichung vollzieht.

Vielleicht fällt mir deshalb so schwer zu berichten, was sich so alles im Außen vollzieht. Nicht wenig: Neues gewagt, am Alten hängen geblieben, Muster erkannt, Veränderbarkeit geprüft und festgestellt, dass es etwas gibt, das bleiben will, nicht weichen. Einen Weg gefunden das Eigene neu zu tragen und zu gestalten. Unfraglicher jetzt, nachdem es ganz und gar in Frage gestellt wurde. Nachdem ich mich ganz ins Leben geworfen habe, hat das Leben mir eine Lektion erteilt und eine neue Sicherheit geschenkt. Jetzt weiß ich mehr. Und der nächste Durchlauf beginnt. In anderen Worten? Hat es schon immer Menschen gegeben, die am Rande von menschlichen Gemeinschaften gelebt haben. Die Hagazussen, die, die jenseits des Schutzwalls lebten, den Menschen in der Regel um ihre Siedlungen herum anlegen. Die vom wilden Wald, die sich in Wölfe mit großen Ohren und großen Mäulern verwandeln und junge Mädchen fressen. Die in Bäumen wohnen und Rätsel aufgeben. Zu denen man geht, wenn keiner mehr Rat weiß. Wo es Steinsuppe zu essen und Federbetten aufzuschütteln gibt. Das ist meine Gemeinschaft, die ich im Sternzeichen der Schwellenhüterin geboren bin. Wie die Gemeinschaft der Frauen im Internet, die jeden Tag der Informationsflut dieses Massenmediums ihre eigene Stimme entgegenstellen, unbeirrbar darauf beharrend, das es eine sehr persönliche Wahrheit gibt, die in uns allen wohnt.

Wie, ein Widerspruch? Hatte ich nicht weiter oben gesagt ...?! Aber klar doch. Könnte eine denn wirklich noch annehmen, dass wahre Leben sei ohne Widersprüche? Meine Erfahrung ist: Es ist immer alles gleichzeitig da. Und das ist wohl auch gut so. Also stelle ich mein Schweigen ins Internet. Und schreibe wieder heimlich in mein Buch, mein Zauberbuch, mein Buch der sieben Siegel, Pandorras Büchse ... all das, was ich nur zu mir selber sprechen kann.

Freitag, 9. September 2011

Erneuerung


Im tibetischen Buddhismus gibt es ein Ritual, das sich "Erneuerung des Göttlichen" nennt. Gläubige Buddhisten erneuern ihre Beziehung zum Göttlichen, die vor allem eine Beziehung zum "inneren Göttlichen" ist, indem sie sich zum Beispiel auf eine Pilgerfahrt begeben. Dahinter steht die Auffassung, das eine Beziehung, die nicht gepflegt wird stirbt. Und mit ihr auch die Wesen, die in ihr verbunden sind.

Meine "Pilgerfahrt" hat mich innerhalb von 6 Wochen von Portugal über Spanien nach Frankreich, in die Schweiz und Deutschland geführt. Ich habe eine Karte dieser Tour gezeichnet - wie eine große Leminiskate liegen die Spuren da auf dem Land. Ein Balanceakt, in die Unendlichkeit geschrieben.

Die äußeren Zeichen gemahnen an ein Gleichgewicht, das für mich auch im Inneren herzustellen war. Zwischen dem, was ich verlassen und dem, was neu zu beginnen ich erschlossen hatte. Zurückkehren, um noch einmal zu überprüfen ob die Schritte, die Entschlüsse richtig waren, ob ich die Zeichen richtig gedeutet und mich auf das Abenteuer Leben wirklich eingelassen hatte. Ob mein Mut ausreichte, meine Fähigkeit, das sich-noch-nicht-Offenbarende geduldig abzuwarten, die Übergänge zu meistern und mich im Zaunreiten zu üben.

Nach Deutschland zurück zu kehren, auch nur für einen überschaubaren Besuch, war schmerzlich. Das Haus, unsere "in Würde gealterte Schönheit" lieblos behaust von Menschen, die dem Alter nichts oder nur Beschwernisse abzugewinnen vermögen. Der Garten überwuchert, all die liebevoll gepflegten schwächeren Pflanzen verdrängt durch das, was an diesen Platz ohnehin wirklich hingehört. Es war eben doch auch ein Kampf gegen Windmühlen. Oder anders gesprochen: Das Land lehrte mich, dass meine Vorstellungen immer auch meinen Kraftakt brauchen, um Geltung zu erlangen da, wo andere Gesetze herrschen.

Nach Deutschland zurück zu kehren war eine Konfrontation mit meinem Selbstbild: Jener Raum greifenden und Raum gestaltenden Herrscherin ihres eigenen Reiches, in dem vor allem meine Regeln Geltung haben. Weggehen heisst eben auch Loslassen, heisst das bisher bewohnte Reich anderen Kräften zu überlassen, die eine eben nicht und schon gar nicht aus der Ferne kontrollieren kann. Der Ausgang eines solchen Unternehmens ist stets ungewiss, und in meinem Falle ist das mühsam aufrechterhaltene Gebäude gleich mit meinem Weggang über sich selbst zusammen gebrochen. Wodurch mir klar wurde, wie viel ich gehalten habe.

Was mich Deutschland auch gelehrt hat war die Richtigkeit meines Entschlusses. Auch wenn hier in Portugal andere Spiegel auf mich warten, in die zu blicken nicht minder schwerwiegend und entlarvend ist, so schenken mir doch die Stille und die Sanftmut des Landes, die Einfachheit des Lebens jene Wachheit des Herzens, die Lehren nicht zu Strafen, sondern zu Wachstumsprozessen macht.

Nach Deutschland zurück zu kehren war eben auch eine Erneuerung: Gelebter und geliebter Beziehungen zu Menschen, vor allem Frauen, die mein Leben durch ihre Wachheit, ihren Mut und ihre Entschlossenheit stets bereichern. Erneuert die inneren Bande, die mich mit dieser gebeutelten Heimat verbinden, dieses überbevölkerte Vorzeigestück menschlichen Schaffensdranges. Und auch hier sind es die Bäume, die Steine, vor allem der Fluss Rhein, die mein Herz berühren, die Schwere und Tiefe des Landes in denen ich mich wieder finden kann. Ja, das bin ich auch, und nach Deutschland zu reisen war auch eine Erneuerung zu diesen Aspekten des Göttlichen in mir.

Und wie in den Fingerfadenspielen der Kindheit habe ich auch gesehen, was mich immer noch bindet, wo ich noch eingewoben bin in das Textil der Gegenwärtigkeit. Mein Besitz, der hier noch verwahrt steht, geliebte Möbel und vor allem Bücher. Gedankenschätze, die ich hüte, weil sie mich immer wieder auch nähren, so wie bei diesem Besuch. Wo wäre ich geblieben ohne sie?
Hierher, nach Portugal kann ich sie nicht tragen, hier verflüchtigt sich dieser Zufluchtsort sofort, nicht nur aus reinem Platzmangel. Rückzug in Gedankenräume ist hier weder notwendig noch sinnvoll, Fremdgedachtes untauglich für die Präsenz des Seins. Hier ist, was in Deutschland nur Vorgestellt ist - ob Spirituelles, Atmendes oder Unterbau.

Was mich in Deutschland rettet, wird hier zur Last. Was mich hier belastet, wird aus der deutschen Ferne betrachtet zur Bedeutungslosigkeit. So hängen diese beiden Teile meines Lebens zusammen, irgendwo um ein gemeinsames Zentrum gespannt, das geografisch an der Ardeche liegt. Der rote Faden ist die Frage der Grenzen: Wo liegt mein Reich, wo endet es? Wie viel Schutz und Abgrenzung braucht es wirklich? Wo halte ich fest, was längst durchlässig geworden ist und wo vernachlässige ich, was Zuwendung und Pflege, was Schutz bedarf?

In Cambra Skadés Buch "Am Feuer der Schamanin" gibt es eine anrührende Geschichte von zwei Kriegerinnen, die ausziehen, einander zu bekämpfen. Irgendwann erkennen sie, dass es in Wahrheit um Heilung geht. Die Kriegerin, die ihr Messer verwendet, um Krankes, Kränkendes herauszuschneiden und zur Heilerin wird. Ihr Symbol ist die liegende Acht.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Die wilde Standhaftigkeit


Vor meiner Tür wächst - nein, nicht eine, wachsen hunderte wilder Möhren. Die Wiese des Tals, in dem mein Wohnwagen steht ist überzogen mit weißen Punkten, kleinen, scheinbar schwerelos im Wind tanzenden Ufos, Milchstraßen, Planetensystemen des Insektenreichs. Sie strecken sich hervor aus den gelb und rosa durchfluteten Wiesen, überragen an Wuchs und Eleganz Quecke, Hafer und Wiesenschaum - und sind für mich ein Wunder der Standhaftigkeit.
Ich glaube, dieser Beweis des Sieges über die Schwerkraft wäre mir völlig entgangen, hätte ich mich nicht eines schönen Morgens vor mich hinträumend beim Kaffee, sinnierend über Nichts und wieder nichts vom Tanz der gigantischen Blütenkrone hypnotisieren lassen. Und erkannt: Dieses Wunder der Statik, dieser Balanceakt zwischen Gewicht und Grazie, dieses Zusammenkommen von solch gigantischen Dimensionen in einem Lebewesen - das ist eigentlich unmöglich.
Denkste, scheint die wilde Möhre mit leisem Gekichere zu flüstern. Und balanciert dabei auf hauchdünnem Stengelchen eine strahlende Galaxie weisser Miniblüten als wäre es das Einfachste unter der Sonne. Warum auch nicht. Das größte Mirakel dabei ist allerdings, dass sie dieses Gleichgewicht in jeder Sekunde wohl tausendmal neu findet, denn sie steht nicht etwa starr und stumm. Nein, in wild ekstatischem Tanz gibt sie sich völlig an Wind und Wetterspiel hin, schleudert nach links und rechts, neigt sich, richtet sich auf, nur um im nächsten Moment schier in die Höhe zu springen ... In die Höhe zu springen? Ihre Wurzeln scheinen im Äther zu gründen. Und blitzschnell ist sie noch dazu. Auch wenn sie, träge hin und her schwankend wie eine bedrohlich aufgerichtete Kobra glauben machen möchte, sie könne kein Wässerchen trüben. Nun, mich täuscht dieses zarte Pflänzlein nimmermehr.

Im Gegenteil: Seit ich ihrer wahren Natur teilhaftig werden durfte, sie sozusagen freundschaftshalber den Schleier der Illusion ein wenig gelichtet hat (wie bin ich eigentlich zu dieser Ehre gekommen?) ist sie meine Kampfesgefährtin. Meine Magierin, die unter dem Teppich kehrt, meine Lehrmeisterin in Sachen leichtsinniger Starrköpfigkeit. Sie nimmt sich niemals ernst - wie könnte sie. Ein ernsthafter Versuch, dieses Blütenplateau auf die Höhe von 120 cm anzuheben lediglich unter Verwendung aufeinander geschichteter Photosynthese, ohne Abstützung ringsherum wäre unter Verwendung logischer Betrachtungsweisen absolut unmöglich. Sie würde wie die Hummel, deren Flügel ebenfalls mathematisch viel zu klein sind, um ihr Körpergewicht zu tragen am Urteil des gesunden Menschenverstandes abprallen, zurückgeschleudert in die Unmöglichkeit, aus der sie gekommen scheint.

Aber zum Glück schert sich die wilde Möhre nicht um den Menschenverstand, ob nun gesund oder doch eigentlich völlig verdreht. Ja, eine könnte sie glatt Ignorantin nennen, wie sie da allen definierten Naturgesetzen zum Trotz einfach in die Höhe schießt und mit lächerlicher Einfachheit alle Glaubensregeln, die eine so verankert hat in ihrem Leben aus den Fugen lächelt. Du kannst nicht fliegen? Tanzen? Alleine wandern? So.

Sie macht nicht das Unmögliche möglich, sie stellt nicht einmal generell die Frage der Möglichkeiten in Frage. In gänzlicher Unbefangenheit schafft sie inmitten eherner Regelwerke ein neues Universum. Sie ist einfach ganz bei sich. Sie glaubt nicht und benötigt von daher auch keinen Zweifel, der ihr hinderlich im Wege stehen könnte. Sie IST die perfekte Ausgewogenheit des Unvergleichlichen, die völlige Verschmelzung grundlegender Widersprüche, die Brücke zwischen Nichtsein und Sein.

Es geht eben schon.

Montag, 20. Juni 2011

Meine Himmel


"Ich habe nie geschrieben, wenn ich zu schreiben glaubte, ich habe nie geliebt, wenn ich zu lieben glaubte, ich habe nie etwas anderes getan, als zu warten vor verschlossener Tür."
(Marguerite Duras; Der Liebhaber)


Es heißt, die Welt verändere sich, sei im großen Wandel begriffen. Das Ende eines - aus menschlicher Sicht - unvorstellbar langen Zyklus nähere sich, würde mit sich reißen was alt und verbraucht, nicht länger wahr zu sein scheint und eine neue Morgenröte bringen. Die Zeichen zeigten sich allerorts, unverkennbar für jene, die zu sehen bereit oder in der Lage seien. Feuersbrünste, Meeresbeben, Kernschmelzen - fast schon erwartet mit einer sich am Entsetzen nährenden Lüsternheit. Rote Fluten aus Magma, Blut und unverdauter Information ergießen sich über die Erde, Speise und Trank für ein Zeitalter das die Apokalypse zum abendlichen Medienereignis erkoren hat. Brot und Spiele fürs Volk.

Seit 12 Monaten lebe ich in einem 12 qm großem Wohnwagen fast am Ende der Welt. In einem portugiesischen Tal, in dem die Sensationen aus dem jähen Aufblühen der ockerfarbenen Erde nach den ersten Regengüssen des Winters oder einer einfallenden Rotte Schweine bestehen. Die üblichen Theaterbühnen des Lebens kleiden sich in schmerzliche Ereignislosigkeit und wie die Bewohner der platon´schen Höhlen einst muss der Geist Fantasie und Psyche bemühen, um das Rad der gewohnten Dramaturgie dennoch am laufen zu halten. Ansonsten: Fliegengeschwirr, Mückenstiche, Wind in den Bäumen, tosende Brandung, zirpendes Gras, dahin huschende Eidechsen und ab und an das Drama von Leben und Tod. Tage, die sich wie Kaugummi dehnen und plötzlich wie ein ebensolcher, bis an seine äußersten Grenzen gespannter zusammenswitchen zu einem kleinen grauen Klumpen. Die Details, einmal bis an die Grenzen des Überdeutlichen klar und umrissen verschwimmen ineinander zu einem nicht näher Definiertem, einer Eventualität mit fraglicher Bedeutung. Sinn ist eine unsinnige Behauptung. Evolution? Entwicklung? Was bedeutet Veränderung in einem sich ständig neu entwerfenden Universum das sich - aus menschlicher Sicht - in schier unglaublicher Trägheit, wenn überhaupt, bewegt?

Wie das Leben der meisten Menschen, die ich kenne, verändert mein Leben sich eigentlich überhaupt nicht - oder mit so rasanter Geschwindigkeit, dass ich jeden Versuch der Einsicht oder Kontrolle auch gleich fahren lassen kann. Sicher, ich lebe nicht mehr so wie vor einem Jahr, oder vor 15 oder 35 Jahren. Ich habe mein Wetter an einen anderen Ort getragen. Meine Himmel jedoch sind die gleichen geblieben.

Als wären wir in einen Rahmen gestellt, dessen Grenzen wir ablaufen, aber nicht überwinden können. Wie in "Die Wand" von Marlene Haushofer können wir sogar hindurchsehen, was gelegentlich zu Unfällen führt weil wir gegen die durchsichtigen Mauern anrennen, denn das Gras ist drüben viel grüner als hier. Mag das Blau des Himmels zu unserem Schutz gegeben sein ändert es doch nichts an dem schmerzlichen Umstand, dass wir die sind, die wir sind.

Gibt es ein göttliches, ein über den Wassern schwebendes Sein, so ist es doch ebenso wie wir an die Bedingungen unserer Existenz gebunden. Ohne das Blau des Himmels würden wir aller Wahrscheinlichkeit nach unmittelbar in die Bodenlosigkeit stürzen. Oben wäre nicht mehr wie unten, die Welt würde sich nicht mehr um sich selbst drehen und wir wären verloren in unserem Angewiesen-Sein auf das Beständige. Den Wiedererkennungswert des Spiegelkabinetts, in dem wir leben. Würde was auch immer uns verändern wollen, müsste sie/er/es äußerst langsam und bedächtig vorgehen eben weil unser Geist so gerne Bescheid weiß und vor allem - stets ein Wörtchen mitzureden haben will. Ich sehne mich nach der anderen Seite und bin doch noch gar nicht angekommen da, wo ich herkomme. Mein Reich liegt leer und verödet, mein Thron modert vor sich hin und bald schon werden die letzten Bastione zerfallen sein. Vielleicht ist das der Wandel, den wir erwarten. Endlich erlöst zu sein vom Gepäck der Erfahrung, dem Drücken des Wissens um, der Last des nicht ungeschehen machen Könnens.

Über meine Himmel zieht eine Wolke. Unten am Horizont ballt sich zusammen, was ein Sturm werden könnte, wenn ich es denn so wollte. Noch streicht der Wind zärtlich über meine Wangen, kühl und erfrischend. Doch schon in wenigen Stunden wird die Hitze unerträglich werden, wird mich in den Erdboden brennen, mich ganz und gar verglühn. Der Himmel wird dann violett sein, tief und fern mit einem Stich Gelb für den Neid. Spätestens dann wird mein Geist ausziehn, ins Grenzland. Sind die Schatten nicht tiefer, dort drüben?

Dienstag, 12. April 2011

Geborgenheit und Mut


Vor einigen Wochen schrieb Antje Schrupp, eine befreundete Journalistin und Philosophin in ihrem Blog über eine Ringvorlesung der Berliner Humboldt-Universität mit dem Titel „Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert“. In ihrem Text nimmt sie den Titel kritisch unter die Lupe und setzt ihm eine weibliche Betrachtungsweise entgegen: Geborgenheit und Mut.

Vor rund 11 Monaten haben meine Familie und ich entschieden, die vermeintlichen Sicherheiten eines Lebens in "wohl geordneten" Bahnen zu verlassen. Vielen erschien und erscheint es nach wie vor als eine Entscheidung gegen Sicherheiten. Ein "sicheres" Dach über dem Kopf, "sichere" Lebensumstände, kalkulierbare Risiken. Versicherungen. Mir - uns - erschien das nicht so. Das drückende Gewicht verordneter und wachsender "Ver-"Sicherungen machte aus unserem Leben einen Schwitzkasten, der uns schließlich an den Rand einer prekären Lebenssituation brachte. Das Risiko, zwischen die Maschen zu fallen war irgendwann größer als ein potentieller Nutzen.

Heute lebe ich in einem Wohnwagen. Ich zahle keine Miete - dafür habe ich die schönste Landschaft vor dem Fenster, ein Plumpsklo in 100 m Entfernung und Wasser, das ich täglich aus der Quelle hole. Wenn es regnet, verwandelt sich mein Haus in eine Trommel, wenn es windet in ein schwankendes Schiff und wenn - wie heute - die Sonne scheint habe ich Sauna und Solarium in einem. Und - ich fühle mich geborgen. Die Wände meiner 6 qm großen Behausung umgeben mich wie die schützenden Arme einer Mutter - wenn ich denn diesen Schutz mal brauche. Ansonsten schaue ich hinaus und finde die Welt aufregend und anziehend. Ich fühle mich wie ein Kind, das die Welt neu entdeckt. Und alles darin ist wunderbar, aufregend und - lebendig.

Unter meinem Wohnwagen lebt eine Schlange. Nachts kommt uns manchmal die Wildkatze besuchen und jagt meine zugelaufenen, etwas ängstlichen Nahezu-Hauskatzen auf den Baum. Meine Tochter wurde schon vom angeblich tödlichen Hundertfüssler gebissen und ich sammle allabendlich die Zecken aus unserem Fell. Risiken, überall. Und das Wasser, das wir trinken, stammt aus einem 100 Jahre altem Brunnen und hat erwiesener Maßen keine Trinkwasserqualität nach allgemein gültigem westeuropäischem Standard. Stimmt. Ich musste mich erst dran gewöhnen, dass das Wasser plötzlich nur noch nach Wasser schmeckt.

Ich will unser Leben hier nicht über den grünen Klee loben. Es gibt unzählige Herausforderungen Tag für Tag, wovon nicht die geringsten menschlicher Natur sind. Und wenn sich im Dauerregen das Land in eine Matschwüste verwandelt oder die unnachgiebige Sonne alles zu Staub zerdorrt, dann kommen wir an die Grenzen dessen, was wir für erträglich halten. Dann fordert das Leben hier Mut, manchmal im Übermaß.

Dennoch - ich würde nicht zurück gehen. Ich fühle mich geborgen in einer Schöpfung, die von mir Wachheit und Aufmerksamkeit, Anteilnahme und Hingabe fordert. Ich liebe es, zu ent-domestizieren. Oder auch auszuwildern.

Ich komme mir auf den Grund. Spüre die Wände des inneren Gefängnisses, das mich von der vollen Teilnahme am Leben abhält. Aus Sicherheitsgründen. All die vielen Jahre habe ich gelernt, mich durch Schutz zu bewahren. Weil ich mich in dieser Welt nicht beheimaten konnte. Der Alien in einer feindlichen Umgebung.
Heute lerne ich, dass ich ein Teil dieser Schöpfung bin. Exakt und auf das Beste angepasst. Innen wie aussen. Vollständig geborgen in dem, was ich bin.
Ich kann mich auflösen und wieder zusammen setzen. Und das Fremde bleibt nur so lange fremd, wie ich es ein- und abkapsle. Indem ich es aufnehme und ihm Raum gebe, durchwachsen wir einander und werden neu. Ein Hundertfüsslerbiss, an dem eine nicht stirbt ist das exakte Beispiel dafür. Indem ich aufnehme, lerne und wachse ich. Wie alles Lebendige.

An einem anderen Ort in dieser Welt brechen andere Gefängnisse entzwei. Diktatoren werden gestürzt und das, was jahrzehntelang im Verborgenen blühte tritt ans Tageslicht. Und - Reaktoren erweisen sich als untaugliche "Sicherheitsverwahrungen" für Kräfte, deren Natur die Entfaltung ist. Was zu lange unter zu engen Bedingungen gehalten wird bricht sich schließlich scheinbar gewaltsam frei. Aber wie die asiatischen Kampfkünste lehren: Es ist nur der Widerstand, der die Gewalt erzeugt.
Die Kräfte der Erde, einst in Braunkohle, Erdöl und Uran gebunden sind freigesetzt. Wenn ich atme, esse, bin nehme ich diese ungebundenen, diese "freien Radikale" zu mir. Damit sie nicht auch in meinem Körper das nächste zu sprengende Gefängnis finden gilt es jetzt, durchlässig zu werden. Damit alles, was rein kommt, auch wieder raus kann. Und dazwischen aus mir eine andere macht.

Damit habe ich gerade richtig zu tun. Ersteinmal werden alle Engpässe deutlich, alle Erstarrungen fallen ins Gewicht. Eine Woche konnte ich mich nicht bewegen weil ich immer noch an meinem Kreuz trage. Und zu Kreuze krieche. Sowohl die Märtyrerin als auch das Opfer sind Rollenmodelle, die ich nicht so ohne weiteres ablegen kann. Was wären denn die Alternativen?

Montag, 14. März 2011

Sehnsucht Fremde



Wir lieben, was uns vertraut ist. Und wir sehnen uns nach dem, was fremd ist.

Menschen fahren in Urlaub, wandern aus. In Kino und Literatur werden uns ferne und fernere Welten vor das Auge geholt, globalisierte Märkte bescheren uns thailändisches Essen, exotische Gewürze und billige Kleider aus Fernost. Was Anfang des 20. Jahrhunderts das Sagen umwogene Saragossa, das glitzernde Samarkand und das mysteriös versunkene Atlantis war – ist heute Pandorra, die Besiedelung des Mars oder die unerforschte Tiefe des Meeres. Auf seiner schier unersättlich Suche nach immer unbekannteren Unbekannten, immer ferneren Gestaden scheint der menschliche Geist an immer weiteren Horizonten zu schweifen. Immer auf der Suche nach dem, was noch nicht gewesen aber denkbar ist, noch nicht gehabt doch nahezu greifbar, auf jeden Fall aber irgendwie erreichbar und machbar sein muss. Als wäre es das verfluchte Schicksal dieses allzu menschlichen Werkzeuges, nie da zu sein, wo es ist.

Doch zu Hause ist es am schönsten.

Da, wo die altbekannte Ordnung Sicherheit verleiht im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten. Wo man sich scheinbar versteht, weil der Gleichklang der Worte Heimat schafft. Ähnlichkeit. Vertrautheit. Geborgenheit im Gleichmaß der Tage, der Ereignisse, der kalkulierbaren Risiken. Und entgegen allem Unwägbaren versichert sich das kollektive Ganze aneinander. Schließt die Reihen. Lasst das Fremde nicht eindringen in die guten Stuben, in die Rückzugsorte von der Welt.

Hässliche Fratzen werden der Abschreckung halber an die Grenzpfosten gemalt: Dunkelheit. Hunger. Armut. Schwarze Menschen, braune und gelbe. Aussatz und Krankheit. Schlafen unter den Brückenbogen am Rande der Rinnsteine. Furcht und Krieg und Tod.
Doch die Dämonen haben Füsse bekommen und Beinchen und haben sich eingeschlichen ins biedere Dasein. Tragen fußstabilisierende Halbschuhe und Nadelstreifenanzug, sprechen hochdeutsch und niesten sich wohlvertraut ein zwischen den Deckblättern von Steuererklärungen, Krankenscheinen und Hochschulnoten. Regieren die Träume im traumzeitlosen Land. Sind uns in Fleisch und Blut übergegangen, vertrauter fast als das eigene Fleisch. Längst schon liegen die Grenzen verwahrlost, ist das Grenzland still und heimlich eingezogen ins Nachbargrundstück und streichelt schon sanft um den Zaun.

Doch sind die Zäune erst einmal eingerissen, bleibt nicht mehr viel, das es zu verlieren gäbe. Diese Rechnung hat der Wirt ohne das Leben gemacht: Ist es erst mal da, lässt es sich so leicht nicht mehr vertreiben. Wächst aus dem Dunkel hervor wie die lichtscheuen Gewächse, die noch die letzten Ruinen sprengen mit ihrer unerwarteten Blütenpracht. Und plötzlich ist einEr draußen.

Aus gutem Grund waren es daher wohl immer die Paria, die Außenseiter, Störenfriede, Wiederspenstigen, die Unzähmbaren, die zuallererst aufbrachen, dorthin, wo das kollektive Sehnen wohnt. Und es mit unversiegbarer Bilder- und Wortflut nährten vom Hunger nach der Fremde. Kommt. Schaut. Hier ist alles anders als dort. Besser. Das Gold glänzt glänzender, die Tränen schmecken nach Salz und Meer und die Träume sind hochfliegende Falken die ihren Schatten auf´s Land werfen. Ganz nah ist alles, wie eine Fata Morgana im Schnee.

Doch am noch ferneren Horizont ziehen Wolken auf. EinEr trägt das Wetter mit sich, zieht es hinter sich her wie an seidenen Nabelschnüren, unentwirrbar verronnen mit dem, was zurück bleiben soll und immer doch schon da ist.
Und die vertraute Brille - Mutter-Sprache, Vater-Land, Brüder zur Sonne und Schwestern im Geiste – überzieht das Fremde mit dem samtenem Schal dessen was Ordnung schafft. Und Wiedererkennen besetzt das Morgenland mit dem Gestern.

Vielleicht können wir die Grenzen nur nach Innen verschieben. Enger ziehen bis das wir uns nicht mehr entkommen können. Unsere liebgewonnenen Deutungsmuster, Geborgenheit-stiftenden Gewissheiten in die Enge treiben bis das sie sich enttarnen und ihr gescheutes fremdes Gesicht zeigen.

Dienstag, 15. Februar 2011

Portugiesischer Winter


Mein erster Winter in Portugal. Während andernorts das Land sich in ein weißes Kleid aus Schweigen, Dunkelheit und kristallenes Licht hüllt, lösen sich hier alle Zuordnungen auf: Zwischen herbstlichem Nebel voller tautropfengeschmückter Spinnwebdiademe an Ästen und Fenstern und kathedralhohen Azurhimmeln erfüllt von Vogelgezwitscher und Schäfchenwolken springen die Tage zwischen den Jahreszeiten hin und her, fällt an den einen Bäumen das herbstlich rostrote Laub im gleichen Moment, in dem der Mandelbaum sein Blütenkleid anlegt und in den Zitrusfruchtbäumen die Orangen reifen. Alles hat neben allem Bestand, alles ist und kann gleichzeitig sein. Statt linearer Bewegung von A nach Z spiralförmiges Nebeneinander uralter Runensymbole in ihrer ganzen Bedeutungsfülle.
Es ist das Wasser, dass nahezu unaufhörlich in der einen oder anderen Form vom Himmel fällt, die Straßen in Bäche verwandelt und jede kleine Senke in einen See, das schwebende, sprühende, tosende, gurgelnde und rauschende Wasser, das diese fast schon unwirklichen Momente der Gleichzeitigkeit bewirkt.
Nach 9 Monaten unerbittlichen Sonnenscheins, der alles in Grund und Boden glüht, öffnet der Himmel seine sorgsam verschlossenen Schatzkammern und lässt all das aufgesparte Wasser auf einmal auf dieses ausgetrocknete Land nieder brausen, das ausschlägt wie eine magische Wüstenblume. Und weil diese gezählten Momente des Über-Flusses so gezählt sind, muss eben alles, das ganze Leben, Fruchtbarkeit, Zeugung, Heranwachsen, Reife und Tod zur selben Zeit stattfinden. Ganz so, wie im „richtigen“ Leben.
Meine auf die nord- und mitteleuropäische Ausdehnung der Zeit, auf das sorgsame und stetige Aufeinander-Folgen, auf das Nacheinander der Jahres- und Lebenszeiten ausgerichtete Seele hat ihre Mühe mit der Eingewöhnung. Ähnlich wie die zur Bewegungslosigkeit zwingende Sommerglut ist es jetzt die Milde und das alle Sinne auf- und überfordernde Aufquellen des Seins, welches zur Umstellung einfordert. Jetzt wird gesät, damit vor der großen Hitze noch etwas reift. Jetzt treibt der laue Sonnenschein nach Draußen, erwecken die Eiskristalle am Morgen und der von Stürmen reingewaschene Ozean alle Lebenssinne, kommt alles Angestaute unweigerlich in Fluss und ergießt sich zur großen Vereinigung ins Meer. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Und das – mitten im Winter.
Unvorstellbar, dass der Frühling dies noch steigern könnte. Das Ocker, Umbra und tiefe Sepia des Sommers hat sich in ein Irisch-Grün verwandelt, die schroffen und abweisenden Steppen des Hochsommers in die liebreizenden Täler der Golfstromumschmeichelten Inselwelten. Die Luft schmeckt süß und verheißungsvoll, tausend Blümchen säumen die Wege und an jeder Ecke, scheint´s wird gerade ein Lämmchen geboren. Verdichtetes Leben.
Wie anders die Welt ist, überall. Ich denke an die Wälder Amazoniens, in das Dämmerlicht des ewigen Waldes getaucht, triefend vor Nässe und ohne den Taktstock der Jahresgezeiten. An das Land im ewigen Eis, sechs Monate im Jahr dunkel und nur angelegentlich erleuchtet von unkalkulierbarem Feenlicht. An die Wüsten mit ihren Extremen von Glut und Frost im Laufe nur eines einzigen Tages. An das Leben in den Sümpfen und den Höhen des Himalaya, in träger Luft oder solcher von schon überirdischer Klarheit und Präzision.
All diese Gebiete haben Seelenlandschaften hervorgebracht, die voneinander eben so verschieden sind wie die Länder aus Stein, Erde, Wolken und Pflanzen. Wie in den Biotopen der Erde gedeihen auch die Seelen der Menschen auf unterschiedlichem Boden und mit anderen Wettern anders. Die turmhohe Wermoutskiefer der Ardidondaks erhebt sich im Hochgebirge des Himalaya gerade mal eben einen halben Meter über dem Stein, und während Orangenbäumchen in Deutschland nur im Gewächshaus und dank unermüdlicher Pflege wachsen, gedeihen sie im Süden Europas an jeder Straßenkreuzung – zumindest im regenreichen Winter.
Seit ich so nah am Land lebe wie hier, verstehe ich immer besser, warum die meisten der noch existierenden indigenen Völker davon sprechen, dass wir dem Land gehören – und nicht umgekehrt. Stein und Pflanze, Wetter und Wind schreiben ihre Zeichen in unser Sein, füllen unsere Träume und unsere Hoffnungen, tragen unsere Freude und unseren Schmerz, nähren uns leiblich und werden von uns genährt.
Tania Blixen schreibt in „Jenseits von Afrika“: „Wird dieses Land einmal meine Geschichte erzählen?“
Ich schenke dem Boden, der Luft, den unzähligen wachsenden und atmenden Geschöpfen um mich herum meine Geschichte, die Flüssig- und Festigkeiten meines Körpers, Tränen, Pisse und Schweiß, wie jeder Atemzug durchdrungen von dem, was mir das Land an Gedanken, Empfindungen und Gefühlen einschreibt. So verwachsen wir ineinander, immer mehr. Assimilation nennt sich das, glaube ich, und es ist ein Austausch, keine One-Way-Road.
Mitten im Winter also der Aufbruch des Frühlings, das Aufweichen der Erstarrungen, das In-Bewegung-Kommen - um dann weg zu fließen und inne zu halten bei herbstlichem Sturm und - doch auch und endlich – winterlichem Frost. Und während ich mich noch im Von-mir-Geben übe wächst mir schon in unglaublicher Geschwindigkeit, die Frucht meiner Mühen entgegen. Höhe und Fall ineinander. Zeit – was ist das?

Freitag, 27. August 2010

Fremdsprache

Eigentlich ist es für eine Nordeuropäerin ja doch irgendwie schier unvorstellbar, dass der Sommer wirklich ein Sommer ist und ungebrochen über Wochen, ja Monate hinweg anhalten kann.
Hier, am südwestlichsten Zipfel Europas ist der Sommer der Durchschnittszustand. Und immer, wenn einEr denkt: So, jetzt wird es kühler - weil eine Nacht mal taufeucht erwacht und ein paar Wolkenfelder über den ansonsten azurblauen Himmel ziehen - dann holt der Sommer nur noch einmal tiefer Luft und erhöht die Thermostattemperatur erneut um einige Millimeter. Nie hätte ich gedacht, dass ich 49°C im Schatten mal "angenehm" finden könnte. Nun ja, alles ist ja bekanntlich relativ.

Wirklich demütig hier machen mich aber die Pflanzen. Sie können ja nicht "mal eben" in den Schatten ausweichen, wenn die Sonne mittäglich alles zu Suppe zerkocht. Aber sie haben ihre Strategien gefunden - sich zum Beispiel gegenseitig Schatten zu spenden. So genannten "Verdrängungswettbewerb" gibt es hier nicht wirklich - warum auch, das Land ist im wesentlichen und unermesslich leer. Statt dessen rücken die Damen und Herren Fenchel, Zistrose, Labkraut und was sonst noch kreucht näher zusammen, halten das Tauwasser fest bis in den späten Vormittag - und schützen sich vor Trampeltieren durch undurchdringliches Dickicht, um das alles einen weiten Bogen macht. Ganz zu schweigen vom gemeinsam gebildeten Schattendach: Beschattest du mich, beschatte ich dich. Ein echtes Lehrstück in Gemeinschaftsbildung.

MenschIn könnte ja meinen, ein solch Sonnengeflutetes Land wäre um die Hochsommerzeit dann ein Meer von Asche. Nun, es überwiegen die Erdfarben, keine Frage. Umbra und Ocker in allen denk- und bildbaren Schattierungen, manchmal von solcher Tiefe, dass es aussieht, als blute das Land aus einer unstillbaren Wunde. Gelegentlich von solcher Luftigkeit, dass eine glauben könnte, der Horizont neige sich dem Himmel entgegen, startbereit für einen Flug auf allgegenwärtigen Staubflügeln. Doch dann fällt die Sonne ins Meer und übergießt alles und jedEn mit einem Licht der Schönheit, rot wird alles und leuchtend von Innen. Und die Bäume glitzern in unzähligen Grüntönen, Silber-, Grau- und Schwarzwaldgrün, der ewige Frühling der Platanen, das flüsternde Grün der Weiden und Erlen, die mit ihren Fingerzweigen über die wenigen und unergründlichen Wasserflächen streichen, das Hustenbonbonfarbene Grün des duftenden Eukalyptus und ihr besänftigender Konterpart, das stille Grün der Kork- und Steineichen. Grüner als alle mitteleuropäischen Sommergrüns ist dieses Grün des Südens, vielleicht, weil es nicht so allgegenwärtig, soviel kostbarer ist und meist nur dort zu finden, wo auch das Wasser wohnt, verborgen und eine seltene Schönheit. Und dazwischen, wie hingeworfene Schriftzeichen einer untergegangenen Sprache, die schwarzen und grauen, violetten Baum-Ahnen, ohne Blätter und wie ohne Leben doch lebendiger Teil der Landschaft, schwarze Gravuren und Geschichtenrauner, leiser Griff in die Seele.

Staubtrocken ist dieses Land und doch jede Nacht klatschnass. Die Häuser sind niedrig und blau und gelb umrandet, gegen den "bösen Blick" sagt man und einEr fragt sich, ob dieser von Innen oder von Aussen kommt. Die Menschen sind klein und stolz auf eine seltsam weiche Art und Weise, unaufdringlich doch schwer zu übersehen. Vielleicht, weil es von ihnen nicht so viele gibt.

Und drumherum das unergründliche Meer, Königinnen-Blau, flüssiges Lapislazuli an einem zugewandten Tag. Voller Gischtherden, stahlgrau und bleischwer zur anderen Zeit, ein sicheres Zeichen, dass die große Herrscherin heute ungestört ihren eigenen Tiefen lauschen will. Wie die anderen Meeresbewohnerinnen habe ich inzwischen - zumindest im Ansatz - gelernt, ihren unausgesprochenen Worten Gehör zu schenken, an ihren Gestaden zu verweilen und mich beschenken zu lassen von ausgewaschenen Skeletten und handschmeichelnden Steinen, die zu hunderten inzwischen meinen Caravan bevölkern. Und jeder Besuch ist eine Audienz, aus der ich gestillt hervorgehe, meine Kleider zu trocknen im Sommerwind.

Eine Fremde bin ich hier mit meinem weizenblonden Haar, den Augen aus geborstenen Himmeln und der milchweissen Haut, die dennoch schon einen dauerhaften Latte Macchiato-Schimmer hat. Wie eine exotische Pflanze rage ich mit meiner Körpergröße aus den heimischen Gewächsen heraus, die noch nicht wissen, ob sie mir Zuflucht gewähren werden. Und ich spreche in fremden Zungen, bin mir selber unbehaust und muss mich immer noch einrichten in der Unbewohnbarkeit. Aber ich liebe schon einmal, und dass ist das Beste von allem.

Demütig macht mich das, nicht klein, plötzlich und unerwartet zu wissen, wie das ist, Einwanderin zu sein, Migrantin. An die Menschen aus der Fremde in Deutschland muss ich denken, und wie selbstverständlich dass einEr sein kann, wie ungefühlt, wenn einEr ganz ungefragt da herkommt, wo sie sich befindet. Und wie anders das wird, wenn einEr denn Standort wechselt. Wie schwer es wird, das Eigene in eine fremde Sprache zu gießen, weil es da den Schatz der Muttersprache gibt, die dem Sein und Gefühlten erst Bedeutung und Substanz verleiht. Inneres Erstummen ist eben nicht "Silence", Verunsicherung nicht "Confusao". Erst als Eintritt-Begehrende wird mir deutlich, wievielt Zu-Wendung es braucht, um das Fremde zum Eigenen zu machen und das Eigene zur Verhandlung zu stellen. Zeit für eine Weltsprache, ein Esperanto, die vielleicht zusammen trägt, was das Beste aus allen Welten ist …

Mittwoch, 11. August 2010

Schmelzen.

Ja, ja, die Zeit geht dahin. Rast. Fällt. Schleicht. Keine Ahnung, wohin. Vielleicht da, hinter den Hügel, über den Berg, fällt in ein Loch, stürzt sich in den universellen Abgrund, schleudert sich um sich selbst um am anderen Ende wieder hervor zu kriechen, schneckengleich, echsengeschwind, langsam blitzesschnelle ...

Die Welt rollt um sich selbst und ab und an treffe ich auf ein Stückchen. Da erreichen mich Bilder aus der Toskana vom Frauentreffen und ich denke: Da sieht es aus wie hier. Irgendwo gibt es ein brennendes, atomverseuchtes Land. Und in Deutschland regnet es ...

Hier nicht. Die Augusthitze hat alles zerschmolzen, die Bewegungen werden langsamer und langsamer und erstarren schließlich in einem leisen Fliessen. Fliegen sind die einzigen Motoren, deren Gebrumm unsagbar laut durch die mittägliche Stille hallt. Und die Erde knackt im Anstrum der Photonen. Ansonsten - geschieht hier eben nichts von dem, was sonst so geschieht, da, wo das Geschehen sich niedergelassen hat. Sommer eben. Stillstandzeit wie andernorts im Winter.

Die Menschen haben so ihre Mühe damit. Irgend etwas muss doch passieren. Nun gut, dann bauen wir halt den Solarturm - solange, bis der erste mit Hitzschlag von der Leiter fällt. Oder hacken den Weg - bis an die Grenze des ermüdeten Metalls, das plötzlich zu weich wird um sich noch unbeschadet in den Schieferboden zu bohren. Zorn kommt auf und Ärger über soviel Widerstand der Materie. Und Alina fragt mich: Wer hat eigentlich den Krieg erfunden? Und ich denke: Wahrscheinlich welche, die sich im Sommer gelangweilt und geärgert haben ...

Ich verstehe, es ist schwer zu ertragen, dieses an-dauernde "Urlaubsgefühl". Natürlich gibt es viele Dinge zu tun und die Not-Wendigkeiten scheinen augensichtlich. Aber es geht halt nicht wirklich, der Süden widersteht dieser aufdringlichen Weltgestalterei und ist sich selbst genug. Und wir Menschen - können nur zu Erde schmelzen oder am Schlaganfall krepieren, mehr Varianten gibt es hier nicht. Gefällt mir, auch wenn ich mich selbt hin und wieder ganz "nutz-los" fühle. Aber das wird schon werden. Spätestens, wenn der erste Regen kommt ....

Und ansonsten - habe ich ein Haus gemietet - für den sogenannten Winter. Und dabei festgestellt, dass ich das Bild dieses Hauses schon lange in mir trage. Jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Gerade klein genug, um nicht aufdringlich zu sein. Gerade renoviert genug, um nicht in ein neues Arbeitsprojekt auszuarten. Gerade weit weg genug um mir Freiraum zu geben hier im Potpourri der menschlcihen Gemeinschaftspsyche. Und gerade nah genug, um zu Laufen. Genau mein Maß, sozusagen. Ab September. Wenn ich bis dahin in eine neue Form zerlaufen bin ...

Montag, 2. August 2010

Pflanzenzeit. Sommerzeit. Zeitlos.

Nur noch wenige Tage und wir sind dann bald schon 6 Wochen hier. Und langsam spüre ich das Ankommen kommen …
Nach den hektischen ersten Tagen mit viel Herum-Gerenne in arger Hitze um all die Dinge zu tun, die eine so zu tun gedenkt - Schattendächer bauen, Tische kaufen, Platten, Krüge, Schuhe, Hüte …. kaufen, ans Meer fahren, in die Berge, diesen schönen Platz und jenen Menschen treffen - schleicht sich nun doch so langsam die Langsamkeit in meine Glieder. Schlafen. Schlafen und Essen. Und wieder schlafen. Musik hören. Dem nächtlichen Grillenkonzert lauschen. Und den Gesängen des Bodens … und immer mehr und noch mehr Lauschen: Dem Wind in den Olivenhainen. Dem Knistern der glühenden Erde, wenn die Lehmschicht in der Mittagshitze birst. Dem morgendlichen Schmatzen, wenn die vom Tau noch feuchten Gräser eingesogen werden vom Durst des Landes … Und ab und an am Computer sitzen, nicht all zu häufig - und hast du nicht gesehen hat dich eine Spinne in ihr Netz eingesponnen, wo du eben mit einer Freundin im weltweiten über Vernetzung philosophiertest …

Zum Pinkeln gehe ich fünf Schritte vor die Tür - keine Verschwendung von Trinkwasser mehr für die Entsorgung von Körperflüssigkeiten. Cremes und Lotionen sind im Korb unter dem Bett verschwunden - da ich mich sowieso nur noch recht selten mit Wasser benetze, um mich zu waschen sind sie überflüssig geworden. Meine Haut- und Körperfette haben diese Arbeit wieder aufgenommen. Ich rieche nach Meerwasser, Schweiss und Wind - und meine jahrelang von Neurodermitis geplagte Haut kommt völlig zur Ruhe, findet ins Gleichgewicht ganz ohne Mittelchen und Kuren. Weniger ist halt doch erstaunlich oft mehr.

Ich wohne draussen, bald 20 Stunden unter freiem Himmel. Ich esse hier, schlafe hier, schreibe, denke, liebe hier. Fast alle Habseligkeiten stehen Draussen, der Sonne, dem Wind und den MitbewohnerInnen ausgesetzt, die ihre Spuren ganz selbstverständlich hinterlassen. Spinnennetze im Wasserkrug, Ameisenaufläufe in den Aquarellfarben und die Spuren einer nächtlichen Besucherin auf dem noch feuchten Bild im Tagebuch … Ich fühle mich nicht ausgesetzt, sondern hineingenommen und bin ganz berührt von so viel freundschaftlicher Platzmacherei für mich Riesin mit Wagen. Immerhin ist hier - wie eben überall - jedes Fleckchen Erde von vielen Völkern bewohnt. Die, so scheint es, mit Assimilation und Zuwanderung keine Probleme haben. Statt dessen meine überflüssig gewordenen Unterhosen zum Nestbau verwenden. Recycling für die Schutzzonen des spätkapitalistischen Neo-Patriarchats.

Wir Menschinnen und Menschen hier tun uns da schon schwerer mit dem Zueinander-Kommen, Aufnehmen und Freiraum schaffen für Ungewohntes und Neues. Starre Tierchen sind wir, die oft nicht einmal mehr wissen, wie und wo es zu dieser Halsstarrigkeit gekommen ist. Meins. Deins. So, wie ich eben bin. Und nicht eben so wie du. Da werden Diskussionen und Aus-Einander-Setzungen notwendig, obwohl der Wunsch doch Zusammenkommen ist. Da müssen Grenzen begangen, ausgelotet und abgesteckt werden, bevor der erste Abriss beginnen kann. Da muss meines erst zu mir finden, damit ich dir das deine lassen kann.

Aber so ist es eben mit uns Menschinnen und Menschen, jüngstes Hervorspringsel einer lustvoll schöpferischen Gestaltung. Ein bisschen wackelig noch auf unseren Beinen staksen wir durch ein Meer Jahrmillionen alter Steine die schon längst hinüber gegangen sind ins Land der äusserst beweglichen Bordüren. Tanz, ja. Bewegung, ja. Fluss auch. Ornamentalik der Begegnungen, aber kein entweder. Oder.

So arbeiten wir uns hier gemeinsam zu Zwanzigst durch die Häute der menschheitlichen Frühpubertät. Und stossen auf erstaunliche Erkenntnisse. Frauen. Und Männer. Felder, die einander berühren. Hervorbringen. Stärken, wenn sie in sich selbst schwingen, schwächen, wenn sie nur auf die Aufnahme äusserer Impulse ausgerichtet sind. Und natürlich, der Schmerz des Geboren Werdens. Des Hervor-Gebrachten und Gebracht Werdens. Die Magie der Häute, die es abzustreifen gilt, damit das alte Neubekannte sein Gesicht zeigen kann, Maske des allzu Menschlichen.

Und ich werde weiter zur Pflanze. Atme Sonnenlicht und lagere die Süße des Seins in meine Zellen.

Montag, 12. Juli 2010

Ankommen um Anzukommen

Yeah - für alle, die mit uns gefiebert haben: Wir haben es geschafft! 4027 Kilometer, keinen Berg zwischen hier und Alzey ausgelassen, mit einem schiefen Wohnwagenrad und bis aufs Metall abgefahrenen Vorderreifen sind wir am Dienstag, den irgenwasten Juni (vor 13 Tagen!) in und an unserem Ziel eingelaufen oder besser eingerollt!

Die letzten 100 km waren eine echte "Atemarbeit", denn auf irgendeinem Feldweg - oh, pardon, natürlich einer potugiesischen Bundesstrasse! - machte uns ein besorgter Mitfahrer auf unser eben schon ganz schön gewaltig schief stehendes Wohnwagenrad aufmerksam! Wahrscheinlich das Ergebnis unserer davor-nächtlichen Irrfahrt hinauf in ein Bergdorf auf der Suche nach einem Campingplatz: Irgendwann steckten wir dann mitten auf dem Dorfplatz fest, zwischen Straßen, so schmal wie ein Handtuch breit, meterhohen Bordsteinen und verwaisten Autos, die immer gerade dort standen, wo wir drehen wollten! Was für ein Ereignis! Mittnächtens war das halbe Dorf auf den Beinen um uns aus dem Nadelöhr wieder hinaus zu manövrieren. Was irgendwann auch gelang - aber eben wahrscheinlich zum Preis unseres linken Außenrads. Was ich gelernt habe dabei: Manchmal ist es eben gut NICHT zu wissen, was Sache ist. Hätten wir gleich schon bemerkt, was da unter uns los bzw. schief war - wir wären wahrscheinlich nicht weiter gefahren. Aber so ... 100 km vor dem Ziel, nach 3027 bereits gefahrenen Kilometern ... fuhren wir eben weiter. Die abgefahrenen Vorderreifen entdeckten wir dann zum Glück erst, als wir ankamen, und auch nur, weil uns jemand darauf aufmerksam machte. Fazit: Das Glück ist mit den Närrinnen!

Aber wie gesagt, ein Stück Atemarbeit wars eben auch. Naja, ist auch mal wieder wichtig, richtig durchzuatmen. Ich habe mich exakt gefühlt wie unter der Geburt von Alina: Zurück geht nicht mehr, was vor dir liegt ist ein Mirakel, die ganze Situation hoch dramatisch - also WEITER ATMEN!

Ankommend durfte ich dann erfahren, dass unsere Elsa tatsächlich doch von Menschenkraft bewegbar war: Zu 10 wuchteten ausgeruhte MitbewohnerInnen unseren Wohnwagen an Ort und Stelle, wieder mal einen (diesmal kleinen!) Berg rauf, zärtlich um Baumsetzlinge herum und - einmal graziös um die eigene Achse gedreht - an die Stelle, wo jetzt denn dann mal für die nächste Zeit mein/unser Zu Hause ist.

Tja, und da sind wir denn nun ... Langsam komme ich an, sozusagen im Schneckentempo. Gewöhnungsbedürftig ist es, das Leben halb unter freiem Himmel, ohne Elektrizität und fließendem Wasser, mit Kompostklo und Freiluftdusche. Ohne ständige städtische Geräuschkulisse, dafür voller nächtlicher Tierstimmen und dem ununterbrochenen Gesumme von ca. 1/2 Milliarde Insekten, denen so ein köstliches Mahl wie unsereins wohl selten unter die Fühler kommt - wenn eine mal von der Anzahl der Insektenstiche auf die Attraktivität schließt. Ohne großartige Rückzugsmöglichkeit vor allem vor einer ununterbrochen niederbrennenden Sonne (Schattendächer sind die architektonische Herausforderung der Stunde!), dafür Wind und Wetter im Gespräch mit Wille und Wollen. Und natürlich - Menschen, Frauen, Männer, Kinder, zu Hauf. Und all die Themen, die eben so zusammenkommen wenn Menschen zusammen kommen ... Raum, Nähe, Distanz, Vergangenheit und Sehnsucht, Abfall und der tägliche Spül. Kein Thema wird ausgelassen ...

Habe ich mir das wirklich so vorgestellt? Mein ganzes inneres Aversionsgerüst knarrt und kracht angesichts von 200-Jahre alten Socken, die auf Wiesen ein Freiluftleben führen, Spülbergen, gegen die sich der Himmalaja warm anziehen muss, überall herum liegendem Krempel, Baumaschinen-Spielzeugen, die den Horizont verstellen und, und, und ... all den Themen, die natürlich durch all das Bekannte getriggert werden wie die Bienchen durch den Honig.

Nein, ehrlich gesprochen habe ich mir DAS nicht überlegt. Aber im Menschen liegt eben das Paradies direkt neben der Müllkippe, da kommt keinEr dran vorbei. Klar, die Frage ist berechtigt, ob wir immer erst durch die eine müssen, um in das Andere zu kommen - aber im Moment führt wohl kein Weg daran vorbei. Schließlich ist doch das aktuelle Thema "Recycling" - und Nachhaltigkeit, erneuerbar .... Wahrscheinlich ist es halt so, dass wir vor der Wiederverwendung von Plastik und Co. erst mal einen Weg finden müssen, unsere eigenen, ganz menschlichen Ressourcen aufzubereiten ...

Wenn das gelingt, kommen dann diese Glücksmomente: Wenn 20 Menschen nahzu aller Altersklassen und Geschlechter zusammen sitzen und lachend unter provisorischem Sonnenschutz experimentelles Essen geniessen. Wenn Tränen fließen wo sonst nur Abweisung stockt. Ausflüge ans Meer. Musik, tief in der Nacht. Und ein Wohnwagen, der in 20 Minuten an Ort und Stelle steht.

Es hat also begonnen, mein Gemeinschaftsexperiment. Und klar: In 14 Tagen bin ich schon dreimal (innerlich) ausgezogen. Aber ich habe mich auch viermal selbst überrascht. Und irgendwann wird es ja auch mal wieder kühler. Hoffentlich.

Sonntag, 27. Juni 2010

Von linken Schuhen, blauen Steinen und den Bergen

Eigentlich wäre ja schon letzte Woche mal wieder ein Zwischenbericht fällig gewesen. Aber wie das beim Reisen so ist ... erstens kommt es anders, und zweitens als eine denkt. Zwar sind inzwischen nahezu alle Campingplätze (zumindestens diejenigen, die wir besucht haben) mit WLAN ausgestattet - ein Zugeständnis an die Unentbehrlichkeit digitaler Kommunikation, so wie einst die Poststationen mitten in der Wüste - doch vergißt man dabei allzu leicht, dass es Verarbeitung braucht, bevor eine das Erlebte in Worte und dann auch noch in ein Netz speisen kann.

So habe ich mich denn ein bisschen aus der Welt zurück gezogen um dieselbige auf mich wirken zu lassen. Und was das für eine ist, diese Welt ...! Da gibt es Meere und Berge, Wälder und Steine, Straßen und Städte und Menschen dazwischen ... Aber fangen wir in der Mitte vom Anfang an:

Nach unserer Pause im französischen AdrecheTal im Le Mas Bleu (www.lemasbleu.com) mit wenig Poolliegen (dreimal dürft ihr raten - es regnete immer noch in Strömen!), viel Marktbesuchen (Käse, Käse, Kräuter und wunderbare indische Täschchen, Schals und Kleider!) und gelegentlichem Schwimmen in der Beaume (ja, manchmal regnete es dann auch nicht) fuhren wir am vergangenen Sonntag wieder los. Tatsächlich tauchte der ungeheuer patente Landwirt der "Chataingne" (alle Campingplätze in der Ardeche heißen nach der Kastanie, mal "an", mal "unter" und gelegentlich sogar mal "auf") zum vereinbarten Zeitpunkt wieder auf und schleppte unseren Wohnwagen mit seinem Minitraktor wieder frei. Auch das Anhängen klappte problemlos, so daß wir uns um 11:30 Uhr wieder on the road befanden, diesmal mit dem Ziel "Mittelmeer". Was uns wie ein Katzensprung erschien wurde jedoch bald zu einem wüsten Kampf gegen die Naturgewalten: Wolfgang, vom unerwarteten Müßiggang der Pausenwoche gequält (ja, ja, das Innehalten will halt auch gelernt sein!) hatte sie herbeigerufen: La Mistral! "Der Westwind weht" - intonierte er ein ums ander Mal in Anlehnung an "Chocolat", wo die Windin Menschenfrau und Kind nebst Ahninnenasche vor sich her treibt, unfähig zu bleiben und Fuß zu fassen, getrieben von Ort zu Ort!
Ja, ja, man solte halt immer auf die eigene Rede achten, zumal, wenn man so unbedacht Größen anruft, die weit über den eigenen Horizont reichen. Gerufen - gekommen. So blies also pünktlich zu unserer Abfahrt ein Wind mit einer Stundengeschwindigkeit von satten 400 km - was unsere Reisegeschwindigkeit von stattlichen 80 auf 30 km/h reduzierte. Ganz zu schweigen vom Reisegefühl! Das selbst bei strahlendem Wetter unvermeidliche Schwanken und Springen steigerte sich nun zu einem wilden Herumgeschleudere und wildwestähnlichem Hammelhornreiten, bezwingbar zwar ohne Brechreiz aber dafür trotz niedriger Temperaturen nur mit achselnässendem Körpereinsatz beherrschbar. Wir brauchten also freundliche 9 Stunden, um ans Mittelmeer zu kommen, das uns - da die Windin vom Landesinneren her blies - spiegelglatt, dafür mit sandstechendem Dünenbeissen begrüßte. Schnell wurde das erste Kilo Muscheln trotz meines Einwandes, die Anhängerkupplung sei auch ohne Kalkmassde schon bis an die Bruchgrenze belastet, gesammelt und "nach Hause" geschleppt. Tja, was will eine machen gegen die urgewaltigen Dispositionen: JägerInnen und Sammler.
Trotz unverminderter Windgeschwindigkeit verbrachten wir eine ruhige Nacht, in der sich langsam auch meine Träume beruhigten. Ehemalige Nachbarn besuchten mich, freundliche Masken vielen ab um das Dahinterliegende zu offenbaren. Waschgang, meinte meine Freundin Ana.
Um uns herum wieder Camper aller Nationen - nein, nicht wahr, im wesentlichen HolländerInnen in monströsen Wohnmobilen. Niemals hätte ich gedacht, dass es ganze Luxusvillen auf Rädern gibt, futuristische Kreationen, für die man ganz bestimmte Fahrzeuge mit Anhängerkupplungen auf dem Dach benötigt um sie von der Stelle zu bewegen. Nunja, jedem sein Spielzeug ... oder?
Obwohl ja eigentlich ein Meervolk, das an Winde gewöhnt sein müsste, flohen am nächsten Morgen sämtliche Nachbarn die Küste. Vom Exodus seiner Gäste ein wenig überrollt kommentierte der deutsche Campingplatzbesitzer diese Völkerwanderung mit einem lakonischen Kommentar: Nunja, der Wind ist heuer wohl ein bisschen arg. Aber er bläst in jede Richtung. Recht hat(te) er.
Wir beschlossen - auch wegen des Windes - nun doch nicht am Meer und vor allem "durchs" Meer zu fahren: Entlang der südfranzösischen Küste führt eine Straße auf einer Art Deich mitten durchs Wasser! - sondern ins Landesinnere auszuweichen, Richtung Toulouse. Die Pyrennäen lagen vor uns, und in uns die Hoffnung, sie "obenrum" ein wenig zu umfahren. Aber was ist schon "obenrum". Und überhaupt: Hatte ich nicht während der Fahrt durch das Massif Central, in dessen Mitte die Ardeche fließt geschrieben, wie gut mir die Steine tun? Wie sie mich mit Stärke und Kraft, mit Mut und Stabilität erfüllen?! Eben. Be aware of your wishes!
Da wir mit unserer Maximal-Reisegeschwindigkeit ja bereits in den Genuß des lasterhaften Großmuts der Viel-Peesser gekommen waren, beschlossen wir also Landstraße zu fahren. Und übersahen dabei geflissentlich, das was auf der Karte wie ein sanftes Schlängeln anmutet in Wahrheit ein exorbitantes Auf- und Nieder bedeuten könnte! Voila, les pyrenees!
Wir fuhren also ... und fuhren, und fuhren, und fuhren. Im Nachhinein betrachtet (ich weiß ja inzwischen, was noch vor uns lag ...) lediglich ein kleines Vorspiel zum stetigen Ansteigen und Abfallen des sogenannten Vorgebirges. Durch wunderbare Landschaft voller klarster Luft, Wäldern, so weit das Auge reichte, malerischen Flußtälern und verschlafenen französischen Ortschaften. Und an jeder Wegkreuzung eine Madonna, die hier schon Fatima heisst - wir näherten uns Lourdes.
Der Tag zog dahin, die Straße wurde steiler und steiler, wir immer langsamer - und die Campingplätze immer spärlicher. Was mir noch vor wenigen Tagen Panikhormone durchs Blut gejagt hätte streifte inzwischen nur noch perifer meinen Gedankenhorizont: Diese Reise ist gefüht, dessen war ich mir inzwischen sicher. Wenn es soweit wäre, würden wir den richtigen Platz schon finden. Und sollte uns Achsbruch, Reifenriss und Hirntod ereilen - nun, wir waren im Land der Göttin und der erfindungsreichen Bastler, die nichts kannten, das man nicht wieder reparieren konnte. Was also sollte uns - mal ganz ehrlich - WIRKLICH passieren? Irgendwie schien mein Vorrat an Ängsten und Befürchtungen, an plastisch und phantastisch ausgemalten Katastrophenszenarien langsam aufgebraucht, und eine angenehme Fatalität erfüllte mich. Neben Gedanken an linke Schuhe, die Festigkeit von unbeschreiblichen Wolkenszenarien und der Betrachtung von Zitronenfalter-Gelb an Eisenerz-Grau ... wie kommt es eigentlich, das an Landstrassen immer linke Schuhe liegen? Wegmarken fürderhin einbeinig Reisender, die sich überflüssigen Balastes entledigt hatten ...? Und warum ist Blau eigentlich die Farbe der Sehnsucht?

Wir fanden den Platz für die Nacht, wie gesagt, im Nebenbei: Ein stiller Ort, mitten im Wald an einem verwunschenen Gebirgsbach, ganz und gar überwachsen von Farnkraut und Schlingpflanzen, die ihre Bärte ins Wasser hängen ließen. Die Steine sangen in gurgelnden Tönen, und ihr Grün und Gelb leuchtete wie von einem inneren Licht. Fraglos - wir waren im Land der Magie angekommen - so wir es denn je verlassen hatten.
In der Nacht weckten mich die Schreie eines Tieres, die ich noch nie gehört habe (als hätte ich je schon behaupten können, viele Tierstimen vernommen zu haben!) - ein lautes Kreischen, wie es die wilden Papageien von sich geben, nur waren wir eindeutig für solche Geräusche noch zu weit nördlich. Ich saß lange wach und lauschte dieser ungewöhnlichen Akustik, ab und zu beantwortet durch den Schrei einer Eule und anderen Nachttiergeräuschen. Was es alles zu hören gibt in der Welt!
Am Morgen erfuhren wir von der über meine geringen Französischkenntnisse nahezu euphorischen Campingplatzbesitzerin, dass es hier sogar noch frei lebende Wölfe gibt. Und manchmal sogar wieder ein Bär gesichtet wird. Ein glückliches Land, sehr leer (an menschlichen Maßstäben gemessen) und wunderbar wild auf eine sehr sanfte Art. Vielleicht der schönste Ort, den uns diese Reise beschert hat. Und offenbar der Ort, den wir finden sollten, denn gleich nach unserem nicht ganz so frühen Aufbruch "fand" uns die schnurgerade Straße, die uns ins Baskenland und an den letzten Zipfel der bretonischen Küste bringen sollte.
Das Baskenland! Sagenumwobener Ort voller Partisanen, wilder, schwarzäugiger und -bärtiger Kerle mit Barrett und Machete. Land der Frauen, dunkelhäutig und voller Wild- und Entschlossenheit, der französischen und spanischen Herrschaft die Stirn zu bieten! So - oder so ähnlich - war zumindest das Bild, das ich in mir trug, genährt von virtuellen Berichten jedweder Art über diesen abgelegenen Ort auf der europäischen Landkarte.
Wahrscheinlich lag es an diesen Phantasmen, dass ich erst dachte, wir hätten uns verfahren: Plötzlich verwandelte sich die schlagloch-übersähte und notdürftig geflickte französische Landstrasse unter unseren Rädern in eine sorgsam geteerte, mit ordentlichen Markierungen versehene "Avenida", gesäumt von nagelscheren-getrimmten, grellgrünem Rasen vor Häuschen, die allesamt wie frisch aus der Schweiz importiert anmuteten. Nein, dieses sanft hügelige, saftig grüne Land voller malerischer Katen in Weiß mit säuberlich gemalerten roten Fensterläden und geschnitzten Balkonen, eines akkurater als das andere - das konnte doch nicht das berüchtigte Baskenland sein?! Wo waren die abblätternden Farben unbeschreiblicher Grün- und Blautöne geblieben, wo die Häuser zusammen gesetzt aus tausenden Bruchsteinen, gefunden am Wegesrand der Berge? Wo die Autowerkstätten mit zerbeulten, schon antik anmutenden 2-CV in allen Regenbogenfarben davor - und einem Berg Schrott im Hof, der sicherlich noch einmal zu gebrauchen war?! Wo die "Tabac", die allerorten den Straßenrand säumten, Männer in verschlissenen Hosen und Frauen mit Hutgebilden aus Stroh und Wolle, die in jeder Großstadt futuristisch gewirkt hätten?
Hier war es aufgeräumter, als in jeder schwäbischen Kleinstadt - keine Frage, das Baskenland ist kein Fetzen französisch! Freiheit für das Baskenland!

Kein Wunder also, dass uns der erste Campingplatz, den wir hier anfuhren mit seiner englischen Besitzerin konfrontierte, die uns mit säuerlichem Blick auf unser in Würde gealtertes Mobil anwies, "la poubelle", den Müll (man höre sich dieses Wort an: puh-bel -schönes Bäh!) auch ordentlich zu trennen und ja mit unseren Rädern nicht den sorgsamm getrimmten Rasen zu "touchieren". Touchieren? Wie in aller Welt sollte man ein 12m Fahrgestell durch ein in winzige Parzellen unterteiltes Gelände manövrieren ohne den Rasen zu berühren? Nach dem wir uns eine dreiviertel Stunde im stetigen Hin- und Her geübt hatten und ich an die Grenzen meiner dank 9-stündiger Fahrt arg strapazierten Nerven angelangt war, verließen wir den Platz unverrichteter Dinge. Nicht ohne allerdings Adresse und Nummer des Passports hinterlassen zu haben: Für den Fall, dass der Rasen doch noch Schaden genommen hatte.

Was uns zuerst wie ein Schlag des Schiksals erschien, entpuppte sich bald als Glücksgriff: Wir fuhren mit unseren letzten Reserven ans Meer und fanden einen wunderbaren, direkt hinter einem Deich gelegenen Campingplatz auf dem wir sogar wieder den Rasen befahren durften. Name? Reisepass? Identifikationsnummer? Ohne mit der Wimper zu zucken überreichte mir der freundliche Besitzer die Chipkarte des Platzes, freier Zugang zu allen Plätzen und Orten, Internet, machine lavoire und Klospülung inbegriffen. Wir würden schon nicht fliehen, meinte er mit - diesmal wissend lächelndem - Blick auf unsere Elsa. Und falls doch hielte sich der Schaden ja in Grenzen. Wo wir nicht mal Elektrizität in Anspruch nähmen.

Wenn einer soviel Gutes wird beschert, das ist schon eine Pause wert. Wir verbrachten zwei Tage am Meer, meine GefährtInnen sammelten ein weiteres Kilo Muscheln und Steine (gegen die weiteren 25 konnte ich mich erfolgreich zur Wehr setzen!) und ich kam wieder einmal ein bisschen mehr zur Besinnung. Und stellte fest: Reisen, vor allem die vielen ständig wechselnden Eindrücke, das schlaucht ganz schön. Unser Hirn, seit Jahrmillionen getrimmt auf Wahrnehmung und Orientierung kommt sichtlich an seine Grenzen, wenn die Rahmenbedingungen ständig wechseln. Jedenfalls bei so einem Kontrollexemplar, wie ich es bin.

Ich war müde und schlief, las, im Schatten auf meinem mitgeschleppten Divan liegend, verspeiste Honigmelone, die tatsächlich ihrem Namen Ehre machte und saß am Ozean. Langsam, dass konnte ich körperlich spüren, sickerte das gesehene und Er-Fahrene durch meine Zellen und kam an im Neokortex. Aha, hier also war ich - ich?

Im Nachhinein betrachtet hätten wir hier wohl noch weitere drei Tage und Nächte bleiben sollen - jedenfalls, wenn wir gewußt hätten, was vor uns lag. Spanien. Eigentlich ja auch nur ein Wort - oder eine Stelle - zugegebener Maßen eine relativ große, gemessen am europäischen Rest - auf der Landkarte. Aber ich ahnte schon, dass hier etwas ganz Anderes auf uns zu kam.

Ute Schiran hat einmal gesagt: Wir müssen die ganze Landschaft einschliessen. Als wir jetzt durch Spanien fuhren, verstand ich, was sie damit gemeint hatte. Und wie schwierig das sein kann. Nach der betörenden Schönheit Frankreichs erwartete uns ein Land, das jahrhundertelanger Raubbau an seiner Natur in eine agragindustrielle Ödnis verwandelt hatte. Kilometerlange Felder reihten sich in einer endlosen Fläche aneinander. Farbe? Graubeigebraun. Denn Wasser scheint es hier wohl auch nur noch gelegentlich zu geben.
Was erklären würde, warum der spanische Campingplatz, obwohl direkt neben der Autobahn-ähnlichen Straße gelegen - der teuerste der ganzen Reise war: Es gab einen Pool, wie ein Augapfel gehütet von einer Poolwärterin und mit antiseptischer Dusche als einzigem Zugang versehen, die durch einen Bewegungsmelder gesichert war: Kaum näherte man sich dem heiligen Wasser auf 500 Meter, ergoss sich ein Schwall stinkender Brühe. Okay, das hatte sicherlich kein Keim überlebt. Ob ich es überleben würde, würde der morgige Tag zeigen. Aber immerhin konnte ich jetzt dem Hitzschlag entgehen, denn obwohl der Himmel - mal wieder - von einer dichten, endlosen Wolkendecke verhangen war, war es schwül wie in den Tropen. Nur eben ohne Grün.

Wir nächtigten neben einem Briten mit futuristischem Großmobil, an dem er bis spät in die Nacht und gleich am frühen Morgen wieder herumschraubte: Räder, die eigentlich noch einen völlig intakten Eindruck machten, abgeschraubt und Ersatzräder draufgeschraubt. Aber irgendwas schien mit denen auch nicht in Ordnung, also alle wieder runter und im Mikadoverfahren rundum gewechselt. Als wir schon Wetten abschlossen, ob wohl gleich der dazugehörige Nissan-Roadster an der Reihe sei, begann der gesehene 80 Jahre alte Besitzer mit dem Abbau von Radträger und sonstigen Aufbauten. Mit irgend etwas muß man seine Zeit ja sinnvoll füllen.

Es schien, als würden uns auf dieser Reise alle Personen, denen wir begegneten sämtliche national-gefärbten Vorurteile vor Augen führen, die eine so aufbaut im Laufe eines Lebens in einer Multi-Nationen-Gemeinde: Dicke Holländer mit Hitzepickeln auf der rosig-verbrannten Haut, glutäugige Französisch-Algerier, die beim simplen Anblick einer blonden Frau in hysterisches Balzgluckern verfallen, ihren Müll in die Landschaft schmeissende Spanier und leicht irritierte Deutsche, denen die Welt eigentlich eine Nummer zu groß ist. Woher kommt das wohl, diese Gen-Geographie, die zu einem assimilierten Verhalten zwingt - und einEn im Glauben wiegt, natürlich gaaanz anders zu sein als der Rest der eigenen grenzstaatlich definierten Sippe ... Mich würde ja schon mal interessieren, was die Leute unterwegs so wohl über uns gedacht haben ...

Wir jedenfalls dachten nur eines: Nur raus aus diesem endlos, öden Spanien! Aber wie das so ist bei den Dingen, die man undbedingt und gleich und sofort hinter sich bringen will: Sie ziehen sich ins Unendliche. Auf Felder folgten Felder - und wieder Felder, nur gelegentlich unterbrochen von Trabantenstädten, die ostdeutsche Städteplaner nicht besser hingekriegt hätten: Hochhaus türmte sich über Hochhaus, und selbst inmitten der wenigen, ländlichen Idyllen fand sich bestimmt auch noch eines. In aller Regel leer. Vielleicht ist die Luft im 27. Stock nicht mehr ganz so stickig ....?

Als wir schon versucht waren, Spanien in Gänze ab zu schreiben (nun gut, aber wenigstens Castillien!) überraschte uns das Land und führte uns UNSERE Vorurteile vor Augen: Plötzlich warf sich die Erde in die Höhe, formte Gebilde aus Stein und Sand, faltete sich zu Schluchten und floß dahin in Flüssen reinsten Wassers, wie ich es noch nie gesehen habe. Wir waren im Naturpark gelandet, ein riesiges Feld voller Steinkolosse, so sanft gewellt und gerundet als wären sie Jahrmillionen von Wasser umspült gewesen.
Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr hinaus - das sich so schnell nicht mehr legen sollte. Die Sierra du Duoro reicht bis nach Portugal und weit bis ins Land hinein - und ihre ersten zarten Falten und steinernen Monumente waren nur ein Vorgeschmack auf die Berge, in die wir geografisch Ahnungslosen nun hineinfuhren. Wir wollten den Weg abkürzen, statt wie geplant entlang der kastilischen Küste mitten durchs Land, um den Zipfel der iberischen Halbküste "abzuschneiden". Wir vergaßen, dass für den Mitteleuropäer die Terra cognita in Spanien endet. Nun gut, da gibt es noch Portugal ...

Über eine winzige Brücke über ein unglaubliches Tal - natürlich verunziert durch ein Wasserkraftwerk nebst Umspannbau, dem ganze Dörfer weichen mußten - errreichten wir Portugal, das grobe Ziel unserer Reise. Und schliefen auf dem günstigsten Campingplatz unserer Reise. Doch als wäre hier alles umgekehrt proportional sank zwar der Preis, doch wuchs der organisatorische Aufwand: Wurden wir in Frankreich und selbst in Spanien noch gelegentlich sogar nach unserem Namen gefragt, benötigte der portugiesische Wärter alle Pässe nebst Fahrlizenz, Zulassungsbrief für Wagen und Wohnwagen und grüne Versicherungskarte.
Ob er bzw. die portugisiesche Verwaltung wohl fürchtete, wir würden das altertümliche Badehaus demontieren und mitnehmen? Wenig mehr war hier zu finden, und auch die Pinien sahen nicht danach aus, als wären sie mal eben zu entwurzeln, ganz zu schweigen davon, dass 20 Meter lange Gewächse auch auf einem 12m Gefährt außerordentlich schlecht zu transportieren sind. Aber vielleicht hatten sie ja Bedenken wegen der ordentlich aufgeschichtet, wunderschön glitzernden Mauern ... es soll ja Staaten geben, da steht die Gefängnisstrafe auf die Ausfuhr von Steinen ...

Was auch immer es war oder ist, wir wurden nach allen Registern der Verwaltung erfasst und katalogisiert - allerdings lediglich auf ein altersschwaches Pauspapier, das anschließend in einer noch älteren Schublade eines prähistorischen Schreibtischs verschwand. Eine wahre Fundgrube wahrscheinlich für anthropologisch interessierte Archäologen, irgendwann einmal ... heute wahrscheinlich Entgeldlegitimation für die beschäftigten studentischen Hilfskräfte, die ansonsten ihre Zeit sinnvoller mit der Lektüre von Dan Brown oder der Verfolgung des Fußballspiels Portugal-Brasilien verbrachten. Was gibt es auch schon zu tun auf einem Platz, auf dem Leute herumwohnen?

Ich kann nicht behaupten, dass ich dieser Lebensphilosophie abgeneigt bin, auch wenn sie mich amüsiert. Wahrscheinlich bedient sie eben irgend eine Anforderung des europäischen Parlaments, dieses Auswuchses bürokratischer Überblähung wie nach dem Genuß von zuviel Mehlspeis, weil der Campismo rural sicherlich aus irgendeinem Topf gefördert wurde. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist ... und sei es bloß auf dem Papier. Man muss sich die Papiertiger eben bloß vom Leibe halten.

Eigentlich wollten wir uns ja dann den Ort noch ein bisschen anschauen ... aber inzwischen gelingt es uns nicht mehr, Berta von Elsa zu entkoppeln. Wahrscheinlich hat diese Tour sie auf immer zusammen geschweißt ... Aber wozu gibt es Taxis? Irgendwie doch eine interessante Mischung - leben im Wohnwagen und ab und an auf großem Fuß ... Mit einer Luxusausgabe unserer Berta wurden wir ins Städtchen kutschiert, kauften mit winzigen Filzapplikationen verzierte Täschchen, handgemacht von einer wunderschönen und schielenden jungen Handwerkerin und begutachten mindestens 200 Handtücher, farbenprächtig ausgestellt auf der touristischen Wandermeile. Die Portugiesen scheinen eine Wäscheobsession zu pflegen, den nirgendwo sah ich jemals eine solche Vielfalt an Tisch- und Bettwäsche, Handtücher in jeder Größe und Form nebst Decken und Deckchen, Überwürfen und Kissen wie hier. Die schier überwältigende Fülle nahm uns derart in Anspruch, dass wir die Abfahrt des letzten Taxis verpassten und die rund 2,5 km lange Wanderung rund um den Ort zu Fuß auf uns nehmen mussten - beladen mit Wasser und Früchten, Täschchen und Käse, Tomaten und neuen FlippFlopps. Kein Wunder, dass wir schliefen wie die Steine.

Über Nacht waren wir sicher verwahrt hinter Schloß und Riegel, die sich erst am Morgen wieder öffneten. Irgendwie hatten wir verpeilt, dass es in Portugal eine Stunde früher ist, also wunderten wir uns noch über den späten Antritt diemal der Wärterin, die sogar in Deutschland geboren war. Vielleicht war es dieser Umstand, der sie veranlaßte, uns eine ganz besonbdere Route zu empfehlen ...

Wir werden es wohl niemals erfahren, warum sie uns in die Berge schickte. Vielleicht auch eines dieser national geprägten Vorurteile, in denen alle Noreuropäer Bergvölker sind ... Oder sie glaubte, dass der Zugkraft eines Mercedes eh kein Hindernis gewachsen ist - was erklären würde, warum es in Portugal von diesen Autos nur so wimmelt. Obwohl ... wahrscheinlich gibt es eben kaum ein anderes Auto, dass dieser Bergwelt tatsächlich gewachsen wäre ...

Ich weiß nicht einmal, wie dieses Gebirge eigentlich heißt, was für meine geografischen Unkentnisse im besoneren, vor allem aber über die europäische Integrationskraft spricht. Wenn ich mich vor den Pyrennäen gefürchtet hatte, so lehrte mich dieses Gebirge tatsächlich die Furcht. In sengender Hitze quälte sich Berta mit Elsa im Anhang einen Berg nach dem anderen hinauf - und mit qualmenden Bremsen wieder hinab. Zum Glück gab es überall Schleichspuren und Bremsrampen - was uns zeigte, dass diese Berge nicht nur uns kanpp an die Leistungsgrenze brachten. Die Schönheit der Landschaft ging völlig unter im Streß, dass es vielleicht schon der nächste Berg sein würde, der Berta den Rest geben würde ... Jeden Moment glaubte ich, den Motor uns um die Ohren fliegen zu sehen, bei jedem Berg hoffte ich, dies möge der letzte sein - bis hinter der nächsten Serpentine die Shilouette der weiteren Gebirgszüge auftauchte und auf ihr das sich bergan und bergab schlängelnde silberne Band der in der Mittagshitze flirrenden Straße ...

Wie erschöpfend diese Fahrt war zeigt, dass wir keine Pause wagten, nur kurz einmal hielten wir um ein Sandwich einzuwerfen und aufzutanken - als würde die Eile der Hoffnung Nahrung geben ...

Aber wie es denn so ist - alles hat einmal ein Ende, sogar diese großartige, erschreckende Landschaft, in die der Mensch wohl besser nie einen Fuß gesetzt hätte. Selbst die anspruchsvollen Bauvorhaben, spinnwebartig wirkende Brücken über unglaubliche Täler wirken hier wie Spielzeug, dass ein unwirscher Ruckel der Bergrücken wieder zunichte machen kann. Zu Fuß ging es vielleicht gerade noch, so wie eine Ameise eben auch mir kaum mal ein müdes Zwinkern entlockt. Aber eine Ameisenstraße ...?!

Nun denn, wir haben es geschafft. Eben sitze ich an Portugals Küste, das Wetter ist mal wieder schlecht, es nieselt und alles ist mit Nebel avalonschen Ausmaßes verhangen. Es hat diesmal ein Weilchen gedauert, bis wir einen geeigneten Platz gefunden haben, denn der Ferientourismus holt uns langsam ein, die Plätze werden liebloser und ungepflegter, was eben so passiert, wenn der Mensch in Massen auftritt.

Hier stehen wir direkt inmitten von Dünen, hohe Pinien und Kiefern spenden Schatten und wir tragen Identifikationsmarken. Alles läßt sich eben meistens noch steigern. Aber der Galau (Milchkaffee) ist gut, Internet ist umsonst und funktioniert sogar und Alina hat endlich ein paar Kinder zum spielen gefunden. Gestern hatte sie ihren ersten Trauertag, wahrscheinlich ausgelöst durch soviel zusammen hocken mit uns unausstehlichen Erwachsenen. Das ist für Kinder einfach eine harte Dröhnung.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir uns unserem Ziel nähern. Noch knapp 600 km trennen uns von Tamera - und der Gewißheit, dass wir nicht auf Urlaubsreise sind, sondern an unserem neuen Zuhause angekommen werden. Vielleicht macht das bewußter, dass dieser Schritt fürs Erste keine Rückkehr kennt. Aber welche weiß schon, was komen wird, was hinter der nächsten Kurve, dem nächsten Hügel und jenseits der Straßengrenze liegt?!

Wir haben viel gesehen und erlebt und sind weit gekommen. 3500 km sind wir gefahren, einige Umwege und viele Kurven. Viel haben wir gesehen, wovon ich hier nur einen Bruchteil beschreiben kann. Da fehlen die drei Alten am Straßenrand, der Unterschied zwischen den Supermärkten, die über der Autobahn nistenden Störche und vieles mehr. Stoff für Geschichten und 1000 und eine Nacht ...

Jetzt halten wir noch ein bisschen inne, bevor es an die letzte Etappe geht. Und ich gehe jetzt ans Meer. Und hoffe, dass diese Reise der Gebirge - Vogesen, Massiv Central, Pyrennäen, Kordilleren, Sierra xxx, Altro du Duoro ... - keine weiteren Hürden für uns bereit hält. Aber was will eine schon ausrichten gegen die Bewegungen der Erde. Eben. Niente. Da hilft nur: Mitgehen.

In diesem Sinne: Grüße an alle, daheim und daheim, eure Astrid